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ÖSTERREICH AUF DER INTERNATIONALEN KUNSTAUSSTELLUNG IN ROM 1911
angeschlagenen Töne ohne störende Nebengeräusche
einzig und allein nach dem Willen des
Musikers lauter oder leiser mitschwingen.
Die zwingende Kraft dieser Raumgestaltung
offenbart sich dem Feinfühligen vielleicht am
stärksten in jenen beiden Räumen, die mit Recht
von allen Besuchern als die künstlerischen
Dominanten der österreichischen Ausstellung
bezeichnet werden. Ein apsisartiger Raum von
ovalem Grundriß ist den Werken Gustav
Klimts geweiht. An der weißen, zartornamentierten
Wand erstrahlen die nicht nur dem
Oesterreicher längst vertrauten Schöpfungen
dieser einzigartigen Malerpalette in neuer
Schönheit. Gleich liebevoll umschließt der edle
Rahmen die duftigen, bis in die Fingerspitzen
von nervösem Leben vibrierenden Damenporträts
(Fräulein Floege, Abb. geg. S. 77 und
Fräulein Wittgenstein, Abb. S. 81), zwei grüngolden
flimmernde Landschaften, eines der vielbefehdeten
Deckengemälde („Das Recht"), den
„Kuß" aus dem Besitze der modernen Galerie
in Wien. Der eigenartige Reiz dieser Werke
ist nicht verblaßt; der wahrhaft Kunstwillige
grüßt sie in stummer Verehrung. Mit einigem
Stolz vernimmt der Oesterreicher die zahlreichen
Aeußerungen einmütiger Begeisterung,
die dem Einfühlungsvermögen der italienischen
Kunstkritiker zur Ehre gereichen. Auch hierzulande
sind die Stimmen der Naderer und Banausen
man verzeihe das kleine Selbstzitat
—, die Hermann Bahr seinerzeit in dem
amüsanten Büchlein „Gegen Klimt" (1903) zu
einem mißtönenden Chor vereinigt hat, allmählich
leiser geworden. Werden sie in diesem
Weiheraum endlich ganz verstummen?
Eine nicht minder glückliche Lösung des
Raumproblems bedeutet das WALDMÜLLer-Zim-
mer, das neben zwölf Gemälden des bedeutendsten
Repräsentanten der Altwiener Malerei
einige Vitrinen mit reizenden Aquarellen von
Peter Fendi und anmutigen Altwiener Miniaturen
von Daffinger, Füger, Theer und anderen
birgt. Naturgemäß offenbaren die Werke
eines uns zeitlich ferner stehenden Künstlers nur
in ihrer ursprünglichen Umgebung ihre volle
Wirkung. Durch skrupellose Milieu-Rekonstruktionen
glaubte eine auch heute nicht ganz überwundene
romantische Kulturauffassung das
meist unwiederbringlich Verlorene ersetzen zu
können; in den von ihrem Geiste erfüllten
Musealräumen beraubt eine aufdringliche Stimmungsmacherei
die Kunstwerke gerade jenes
wesentlichen Teiles ihrer Wirkung, die ihnen
zurückzugewinnen man mit verstimmender Ab-
sichtlichkeit allzu bestrebt war. Aus dieser Erkenntnis
hat ein sicherer Geschmack in dem
Waldmüller-Zimmer des österreichischen Pavillons
mit den einfachsten Mitteln, durch eine
im Zeitstil gehaltene Stoff bespannung der Wände
und einige Möbel aus dem Beginne des ^.Jahrhunderts
, ein reizvolles Interieur geschaffen,
in dem das vornehme und zugleich anheimelnde
Altwiener Milieu nur eben zart angedeutet
erscheint. Um dieses kleinen stimmungsvollen
Raumes willen, der die in Waldmüllers
Meisterwerken nur leise schlummernden künstlerischen
Gegenwartswerte zu sieghaftem neuem
Leben erweckt, vermißt man gerne eine willkürlich
zusammengewürfelte, notwendig lückenhafte
„retrospektive Abteilung".
In dem wohnlichen Waldmüller-Zimmer erschien
eine stärkere Betonung des Milieus als
die glückliche Erfüllung eines künstlerischen
Gebotes; um so bescheidener durfte und mußte
der schmiegsame Rahmen in allen übrigen Ausstellungsräumen
zurücktreten. Er vermittelt
dem Auslande zum erstenmal ein Gesamtbild
der modernen österreichischen Kunst, in dem
kein wesentlicher Zug fehlt. Klar und rein
läßt er die Hauptlinien hervortreten. Nur sie
kann die folgende Skizze flüchtig nachzuzeichnen
versuchen.
Zwei geräumige Säle — der apsisartig anschließende
dritte Raum mit den Werken Klimts
wurde bereits gewürdigt — umfassen die Werke
der deutsch-österreichischen Künstler. Neben
dem Wiener Klimt ragt unter ihnen heute
Egger-Lienz als eine Persönlichkeit von stämmigem
, im Tiroler Boden wurzelnden Eigenwuchs
empor. In den „Wallfahrern" (1904),
die die Hauptwand des einen Saales beherrschen
, erscheint die eindrucksvolle Komposition
noch durch ein unorganisch von außen
hineingetragenes Gerüst in Streifen gegliedert.
Der gegenüberhängende „Totentanz von anno 9"
(1908) (Abb. Jahrg. 1907/8, S. 467), der die
jetzige Entwicklungsstufe des Künstlers charakterisiert
, ist bereits ganz von innen heraus gestaltet
; die wuchtig einherschreitenden Bauern
haben den ehernen Rhythmus Hodlerscher
Schöpfungen. Eine glücklich erfaßte, rhythmisch
wiederholte Bewegung beherrscht auch
das dritte Bild, das mir persönlich am nächsten
steht: Das innere Ohr vernimmt den hellen
und harten Gleichklang der Sensen, die diese
„Bergmäher" hoch oben auf freier Alpwiese kräftig
schwingen (Abb. Jahrg. 1909/10 geg. S. 529).
Der vielseitige Andri rückt mit seinem prächtigen
„Holzschlitten" — bei voller Wahrung
seiner kräftigen Eigenart — in die unmittelbare
Nähe dieses Meisterwerkes. Den Quer-
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