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! MODERNE KUNST UND PUBLIKUM
Künstler, viel öffentlich auszustellen. Das Publikum
kam eben zum Künstler, den es brauchte.
Ausgestellt hat Anton Burger fast gar nicht und
wenn er in großen Ausstellungen einmal an die
Oeffentlichkeit trat, so wirkten seine braunen,
intimen, meist auch sehr kleinen Bildchen gar
nicht. Erst diejahr-
hundert-Ausstel-
lung hat ihn, ebenso
wie Dielmann,
wieder „entdeckt",
aber da war er ja
schon tot.
Er hatte seine festen
Abnehmer,
kein Bild blieb ohne
einen Käufer. Zu
Dutzenden hingen
die „Burgerchen"
zusammen mit den
„Dielmännchen" in
den Stuben der
Frankfurter Liebhaber
. Dabei war die
Art des Verkaufs
oft sehr originell.
Burger war ein leidenschaftlicher
Jäger
und hatte selbst
eine Jagd am Altkönig
bei Cronberg
gepachtet. Wenn er
nun auf der Jagd
war, versteigerte er
halb im Scherz seine
noch nicht gemalten
Bilder an seine
meist sehr wohlhabenden
Jagdgenossen
. „Hier der Hühnerkopf
(ein Berg
im Taunus) in der
Abendsonne. Acht
Gulden zum ersten,
mit Reh (als Staffage
) zehn Gulden."
Zu Hause wurden
dann bei der langen
Pfeife die Eindrücke
des Tages zu Aquarellen verarbeitet,
die bei der Entstehung alle schon in festen
Händen waren. Auch bei Atelierfesten fanden
Versteigerungen kleiner Skizzen für wenige
Gulden statt. Die Preise waren oft sehr niedrig
, aber wenn der Metzgermeister Glock die
„Schirn" als großes Bild bestellte—er selbst
josef myslbek
Oesterreichische Ausstellung, Rom 1911
wurde als Hauptperson dann unter seine Schirn
hineinporträtiert — dann kam auch der Preis
auf mehrere Tausend Gulden. Auf jeden
Fall lebte der Künstler sehr gut durch seine
Kunst allein, geradeso wie die übrigen Cron-
berger, Maurer, Philipp Rumpf, von Adolf
Schreyer, dem berühmten
Kollegen,
gar nicht zu reden.
Dies war die vorige
Zeit. Sie war ein
Ausläufer der großen
Zeiten, wo die
Kunst sogar noch
mehr war als Bedürfnis
, wo sie eng
verknüpft war mit
dem Höchsten, was
der Mensch kannte.
Schon rein gegenständlich
zwangen
die alten Meister in
die Kniee. Ihre Werke
waren ja auch
zum Knieen gemacht
. Die Kunstwerke
selbst waren
Heiligtümer, die
wieder in Kunstwerke
eingeschlossen
, am Festtage
feierlich enthüllt
und der gläubigen
, andachtsvollen
Menge als höchstes
Symbol vorgezeigt
wurden. In denTem-
peln der Griechen,
in den Kirchen des
Mittelalters war die
Volksmenge beim
Ansehen der Kunstwerke
schon in ekstatischer
Stimmung
. Die äußere
Betrachtung ging
kruzifix mit der inneren
Hand in Hand.
Die Sonne drehte
sich damals noch um die Erde. Dann wuchs
der Mensch in der Darstellung. Selbstbewußter
trat er selber auf. Sein Abbild interessierte
ihn gewaltig. Dazu brauchte er den Künstler.
Der war auch darnach vorgebildet. Freilich
wären vielleicht auch damals schon die Mäzene,
deren Bedürfnis nach Darstellung wir die
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