http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_25_1912/0122
I <2JC9 C2>^ (2>3 QXS QXS QXS QXS
! MODERNE KUNST UND PUBLIKUM
vorige Generation hatte, haben sie nicht zu
erreichen vermocht.
Und doch haben im Grunde diese Künstler
nur ähnliche Wege eingeschlagen, wie sie die
Wissenschaft auch gegangen war. Wie der
Mensch als Einzelwesen durch die Erkenntnisse
der Wissenschaft mehr und mehr unwichtig
wurde, wie er sich als kleines Geschöpf
im Weltall verlor, geradeso kamen
die modernen Malprobleme zu ähnlichen Resultaten
. Wer sich die Darstellung eines Stückes
Welt zur Aufgabe macht, wer das Zusammenwirken
von Wasser, Himmel, Strand und
der darauf krabbelnden Menschenmenge schildern
will, dem verschwindet das einzelne
mehr und mehr. Wenn alles durcheinanderspielt
, sich bewegt und zittert, dann verschwindet
das Detail. Wer von einer gewissen
Höhe oder Entfernung die Welt und der
Menschen Treiben wiedergibt, der sieht schon
nicht mehr Nasen, Augen und Finger. Der
Impressionismus war die notwendige Folge
einer Zeit, der die Ruhe abhanden gekommen
war. Mit der Aufnahme und Verbreitung des
I
Sports aller Art und seiner Darstellung fand
er die reichste Nahrung. Springende Rennpferde
, segelnde Yachten, rollende Gespanne
zeigen ihre Einzelheiten nicht mehr deutlich
, aber ihre Wiedergabe setzt beim Künstler
nicht nur die allergenaueste Kenntnis des einzelnen
voraus, sondern auch noch die Beurteilung
der Erscheinungsmöglichkeiten in dem
betreffenden Moment. Gerade diese „flüchtigen
" und „fleckigen" Bilder waren oft ein
Resultat erhöhten Studiums.
Für diese Großzügigkeit, die die moderne
Kunst so sehr betont, daß sie das Ganze stets
über die Teile stellt, hat das große Publikum
kein Interesse und Verständnis gehabt. Es
klebt an der Einzelheit. Es schätzt nicht am
Kunstwerk so sehr das, was groß gedacht
und disponiert ist, was also Sache des Talents
ist, sondern es bewundert die Ausführung,
den Fleiß, ohne zu fragen, ob dieses Betonen
des einzelnen nicht oft die Wirkung des
Ganzen beeinträchtigt. Durch die Ausführung
aber, hauptsächlich die an falscher Stelle,
geht das im Kunstwerk oft verloren, was das
Wesen der Dinge ausmacht und den
Schein des Lebens erweckt.
Wenig geschah also auch vom
großen Publikum, die Künstler zu
fördern. Vielleicht sah es auch teilweise
ein, daß die von ihm beliebten
„süßen" Genrebilder die Vorwürfe
verdienten, die man ihnen
machte. Aber zu dem „Neuen"
konnte es ohne weiteres keine Zuneigung
fassen und daß jeder Genuß
, besonders der Kunstgenuß, mit
einer Fülle von Studium erarbeitet
werden müsse, wollte es nicht begreifen
. Die Hauptbestellerin von
ehedem, die Kirche, hatte ihre Bedürfnisse
größtenteils gedeckt. Und
wie unsere Mäzene zum Photographen
gehen, so schmückt sie sich,
indem sie ihre alten Kunstschätze
manchmal sogar an den Händler
verkauft, mit schlechten, billigen
Fabrikserzeugnissen.
So gehen die beiden Elemente,
die sich verstehen und ergänzen
sollen, Künstler und Publikum, jeder
jetzt seinen eigenen Weg. Aber
das sonderbare ist, einen Platz gibt
es noch, wo sie sich treffen, ein
neutraler Boden: die große Kunstausstellung
. Daß die für das Publikum
oft nur noch ein Gegenstand
HEINRICH VON ANGELI
Oesterreichische Ausstellung,
BILDNIS
Rom 1911
M. DUMBA
94
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_25_1912/0122