Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 25. Band.1912
Seite: 110
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FERDINAND HODLER

dem jedoch nicht unwahr wirken, weil der Geist
ihres Schöpfers, indem er sie selbstherrlich
veränderte, ihnen damit einen überzeugenderen
Ausdruck ihres neuen Wesens verlieh. Dieses
Ergänzen und Weglassen bildet die Voraussetzung
für jeden Stil; aber man vergleiche
einen „Kohlenbuddler" von Meunier mit dem
Hodlerschen „Holzfäller" und die Besonderheit
des Schweizers springt in die Augen.
Meunier sieht das im sozialen Zusammenhang
ethisch Große jeder Arbeit und gibt dem belgischen
Bergmann die Geste eines antiken
Helden; Hodler sieht Aufwand und Spiel der
Kräfte beim Holzfällen als physikalischen Prozeß
und gibt die lineare Formel des Geschehens.
Von hier aus erkennt man leichter den spezifischen
Charakter der Hodlerschen Linie, die
wie ein Seziermesser den Erscheinungen naht.
Unter ihrem enthäutenden Strich blüht in der
Landschaft keine Stimmung holder Ueber-
flüssigkeiten auf, spricht nur der geometrisch
berechnete Reiz des Ausschnitts und der Silhouette
. Kalt geht sie an dem wunderbaren
Rätsel des menschlichen Antlitzes vorüber,
um ihre ganze Macht in die Bewegung des
Körpers und in die Gesten der Gliedmaßen
zu legen. Herb, straff, gespannt, singt sie
vom Liebeserwachen der zwei jungen Menschenkinder
; zart, verlangend, hingebend, stolz, kündet
sie die Empfindung der vier im Reigen
des Lebens hinziehenden Frauen; leidvoll versunken
, wehmütig bewegt, würdig klagend,
meldet sie das Schicksal der fünf zwischen
Herbstlaub aus dem Dasein schreitenden Männer.
Sie dichtet die traumschwere Elegie der Nacht
und die Hymne des ansteigenden Tages. Sie
steht zwischen Leben und Tod.

Der Monumentalstil. Die gleiche Entwicklung
wie bei der Linie läßt sich am Monumentalstil
verfolgen. Auf Hodlers prominente
Veranlagung dafür weist auch hier die Tatsache
, daß sein Streben nach monumentaler
Gestaltung schon früh sich regt, am Beginn
allerdings noch im Traditionellen befangen ist.
Sieht man die Szenen aus der schweizerischen
Geschichte, etwa die Bilder zur Schlacht von
Marignano oder anderes dieser Art, daraufhin
an, so ergibt sich unleugbar der Eindruck, daß
Hodler der dramatischen Größe des Augenblicks
durch wirkungsvolle Gliederung der
Massen gerecht wird, aber am Aeußerlichen
des Milieus noch haften bleibt. Es ist zwar
moderne,ist jedoch immerhinGeschichtsmalerei,
die auf einer Fläche die Ereignisse in einem
Raum schildern möchte. Dann erfolgt, ungefähr
gleichzeitig mit dem Freiwerden der Linie,

der Umschwung. Fortan errichtet Hodler seinen
Kompositionen eine Bühne, die nichts mehr
gemein hat mit unserem irdischen Schauplatz,
auf der nach anderen Gesetzen, in anderen
Formen, fast im Sinne absoluter Musik, sich
das Geschehen vollzieht. Nun müssen selbst
historische Stoffe sich der neuen Anschauung
unterwerfen; deutlich genug wird es, wenn
man den „Aufbruch der Jenenser Studenten"
mit des Künstlers früheren historischen Darstellungen
vergleicht. Wie hier, so wird seither
jeder Vorgang, und sei es mitten aus dem
dampfenden Leben, auf das kristallene Eisfeld
linearer Systeme gehoben, wo er die Farbe
der Wirklichkeit und alle Fähigkeit naiver Illu-
sionierung verliert. Der Hintergrund dieser abstrakten
Szene ist zumeist der Natur entnommen,
aber gemäß der Handlung, der er als Kulisse
dient, jeweils so verändert, daß er kaum mehr als
Landschaft anzusprechen ist: der ganz hinaufgezogene
, oft unmittelbar über den Köpfen
hinziehende Horizont, die spärlichen, völlig als
Ornamente hingesetzten Gewächse und Blumen,
anfangs Grau in Grau, dann in schmetterndem
Rot, Gelb, Blau auf schneeigem Weiß, verleihen
ihm den Charakter und die Funktion
eines Gobelins, vor dem die Figuren agieren.
Und dieser Figuren zeitloses Geschlecht! Auch
sie sind entmaterialisiert, eine der andern gleich,
nackt, wenn ungedämpft die Melodie ihrer Bewegung
erklingen soll oder mit einem uniformen
Gewand bekleidet, das prall die Formen umschließt
. Eine Figur allein steht zumeist in
frontaler Feierlichkeit, wobei rechts und links
die Gesten, die Körper-, ja die Gesichtshälften
sich antworten. Treten mehrere auf, so ist
ihre Zahl nie zufällig, sondern stets rhythmisch
bedingt und ihre manchen so merkwürdig neu
scheinenden Stellungen und Bewegungen erfolgen
in derselben Einheit und Ordnung, die
schon den Künsten und Tänzen alter Kulte
zugrunde lag. Diese wie vom Pulsschlag geregelte
Wiederkehr des Gleichen, bezeichnet
Hodler als Parallelismus und nennt sie das
höchste Prinzip, das tiefste Geheimnis seiner
Kunst. Sein Monumentalstil sucht nicht das
Abweichende, die Ausnahme, sondern das Gemeinsame
, den Typus. „Wir alle haben unsere
Freuden und unsere Schmerzen, die nur Wiederholungen
jener der anderen sind und die nach
außen hin durch dieselben oder durch analoge
Gesten sichtbar werden" hat Hodler einmal
gesagt.

Der Ideenmaler. Was Ferdinand Hodlers
Kunst, deren großzügige Umrisse anzudeuten
eben versucht wurde, an Weltanschauung aus-

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