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JEAN AUGUSTE DOMINIQUE INGRES
Auch das Bildnis der Mme Riviere (Abb.
S. 133) zeigt bereits alle Vorzüge Ingres'scher
Kunst, dies eindringliche Nachgehen der linearen
Form bei kraftvoller Zusammenfassung
des Ganzen. Wie auf dem Bildnis der Mme de
Senones schmiegen sich schon hier Gewand
und Schal mit wahrer Liebkosung der Körperform
an. Die Berührung von Fleisch und
Stoff ist mit der Genauigkeit eines Untersuchungsrichters
studiert, wie fein aber ist
dabei der lineare Ausdruck. Hier hilft die Rasse
mit, denn die Delikatesse der Berührung ist
ein altes Erbstück französischer Kultur. Dazu,
als müßte das Bild über alle sinnliche Wirkung
emporgehoben werden, der kalte Gesichtsausdruck
, der kalte Farbenakkord, zusammengesetzt
aus einem dominierenden Blau,
einem vornehmen Gelb, einem raffaelesken
Rot, einem indifferenten Braungrün. Zwar ist
in späteren Arbeiten bei noch mehr Können
manches Ungelenke, das Drahthafte der Locken
überwunden, aber die Größe der Auffassung,
j. A. D. INGRES
BILDNIS DES HERRN RIVIERE
die herbe Frische dieser Bilder ist nirgends
übertroffen.
Von 1806 ist die Bleistiftzeichnung „Die
Familie Forestier" (Abb. S. 135). Auch dieses
Blatt ist durch kein späteres überboten. Frei
von den Fesseln der Farbe ist Ingres hier
schlechthin vollkommen. Er arbeitet mit spitzem
Bleistift, nichts überläßt er dem Zufall, dem
Wischen und Verwischen. Die Spitze seines
Bleistifts holt alles Wesentliche heraus; daß
sie nur zu spielen scheint, nie an einem Detail
anstößt oder sich darin verliert, das ist eben
Ingres' Genie, sein ebenso scharf zerlegendes
wie wieder groß und einfach zusammenfassendes
Auge. Hier im rein Zeichnerischen wirkt
er intim und reizvoll. Bevor noch bürgerliche
Schauspiele geschrieben werden, zeichnet sie
Ingres, seiner Natur nach ohne dramatischtragischen
Unterton; es ist der Alltag, der
sich vor uns auftut, ein Bürgerzimmer mit
Menschen, natürlich, ohne die Pose, in der
sie bisher die Künstler dargestellt hatten. In
dieser Bleistiftkunst kommt es
Ingres zugute, daß er in einen
Raum mehrere Personen zusammenbringt
. Es entsteht eine Wechselwirkung
von Linien, aber auch
von seelischen Beziehungen; auf
dem Blatt der Familie Forestier
wirkt überdies noch das Pikante
der ähnlichen Gesichtszüge.
„Die gezeichneten Porträts"
durchziehen Ingres' wie Holbeins
Lebenswerk. Hier sind zu seiner
Zufriedenheit die strengsten Gesetze
der bildenden Kunst beobachtet
, hier ist Lauterstes erreicht.
Ihre zeichnerische Vollendung ist
gleichsam das ewige Licht, an dem
er die Flamme zu seinen Bildern
entzündet; hier hat er immer festen
Boden unter den Füßen.
Denn eine Zeitlang scheint ihn
die italienische Kunst ins Schwanken
zu bringen. Als er 1806 nach
Rom kommt, als Träger eines ersten
Rompreises die Villa Medici
bezieht, kommt er ganz in den Bann
der großen Vergangenheit Italiens.
Er ist begeistert für Giotto, Ma-
saccio, die etruskischen Vasen, am
meisten aber unterjocht ihn Raffael.
Anfechtungen ausgesetzt infolge
der mäßigen Aufnahme, die seine
Rivierebildnisseim Salon erfuhren,
sucht er sich neues technisches
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