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MAX MAYRSHOFER
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MAX MAYRSHOFER
ZEICHNUNG
Manchmal ist es ein Kopf, den er mit ein paar
Farbflecken zu prickelndem Leben bringt, dann
wieder ein Rückenakt im dunklen Wald, dessen
feuchte Finsternisse eine Fanfare Sonnenlichtes
ins Goldgrüne verklärt. Ueberall packende, ja
verblüffende Einfälle, aus einem Reichtum
stammend, den man bewundern muß. Die Erscheinung
dieser Blätter ist fast immer bildmäßig
, und es ist sicher, daß sie im Ganzen
ein Material darstellen, von dem ein Aermerer
sehr wohl ein ganzes Künstlerleben bestreiten
könnte. Aber Mayrshofers Maximum ist es nicht.
Darum verlangen wir von ihm mehr. Wie verlautet
, denkt er in Bälde der Malerei näher zu
treten. Unnötig zu sagen, daß das, wenn seine
Träume ihm gelingen, eine Malerei von sublimstem
Reize farbiger Form- und Lichtbehandlung
werden müßte. Satt, reif und süß wie es sein
zeichnerischer Ausdruck heute schon ist.
Das Wort „verblüffend" muß man zur Kennzeichnung
Mayrshoferscher Eindrücke reichlich
oft verwenden. Das kommt von der netten,
frechen und präzisen Fertigkeit her, die alle
seine Kundgebungen aufweisen. Nichts ist bei
ihm aus dunklen Tiefen dionysisch herausgestöbert
. Exakt, geistreich und spöttisch steht
alles da. Das genialische Toben und Irren fehlt.
Seine Sachen haben die Ausarbeitung einer
sportlich-theatralischen Künstlernummer. Man
täusche sich darüber nicht: Mayrshofers geniale
Flüchtigkeiten sind niemals Flüchtigkeiten.
Zu jedem seiner Blätter gibt es Dutzende, ja
Hunderte von Versuchen, Studien, Varianten
und Duplikaten. Sie sind nie das Erzeugnis
einer glücklichen Stunde, sondern immer das
ausgefeilte Ergebnis berechneter, disziplinierter
Arbeit.
Mit dem, was diese Blätter darstellen, illustrieren
sie ein in hohem Grade eigenartiges
Innenleben. Sie öffnen Einblicke in eine Seele,
in der viel Finsternis schläft, in der es Abgründe
und dunkle Winkel genug gibt. Aber doch ist
die Finsternis nicht das Herrschende. Geraume
Zeit hindurch gefiel sich seine Phantasie im
Erschaffen fabelhafter Tierkörper (s. S. 213),
die in der grotesken Kunst unseres Kulturkreises
nicht ihresgleichen haben. In ein Buch
hat er sie hineingezeichnet, tagebuchartig, wie
eben Hypochondrie, Melancholie und bärbeißige
Laune sie ihm eingaben. Das waren graphische
Darstellungen pfauchenden Ingrimms, gieriges
Zerfleischen, Umkrallen und Erwürgen von
Wesen, die eine unheimliche Wahrheit hatten
und doch nur Konglomerate von spitzigen
Schnauzen, geblähten Schlangenbäuchen, nadelscharfen
Klauen und geschwollenen, gesträubten
Drachenkämmen waren. Fraglos ist Grauen
in diesen bacchantischen mordgierigen Umschlingungen
, die mit heißer, visionärer Deutlichkeit
gegeben sind. Aber es ist ein be-
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