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I BERLINER AUSSTELLUNGEN — PERSONAL-NACHRICHTEN
BERLINER AUSSTELLUNGEN
"Pye „Neue Secession" hat ihre vierte Ausstellung
in der Potsdamerstraße eröffnet, in wesentlich
besseren und helleren Räumen als bisher; die Mitglieder
der neuen Secession, sowie die Neue Künstlervereinigung
München beschickten die Veranstaltung
. Für den Kritiker, der sich schon früher
die Mühe genommen, dem Wollen derer nachzugehen
, die an dieser Stelle vor das Publikum treten,
bringt die neue Ausstellung Rätsel über Rätsel, unerfüllte
Hoffnungen und Vermutungen in Fülle. Auch
der, welcher wirkliches Interesse und fortschrittliches
Empfinden mitbringt, wird nur selten aus dem Kopfschütteln
, den Fragen nach dem Warum und Wozu
herauskommen. Einige Bilder sind nicht übel, wahrscheinlich
deshalb, weil man auf ihnen etwas erkennt
, also mehr als nur Farbenbäche und Strähnen
wahrnimmt. Ich nenne etwa Harold Bengens
„Fliehende". Otto Muellers „Badende", Artur
Segals „Sonnenblumen" und ein paar Strandbilder
von Moritz Melzer. Aber was soll man zu Nolde
sagen, dessen Zeichnung und Kolorit in immer tollerer
Auflösung begriffen ist, was zu Otto Freundlich
, Erich Heckel, oder gar zu Kandinsky?
Man kann sich dem Gedanken nicht verschließen:
so geht es nicht weiter. An allen Ecken und Enden
wuchert die tollste Willkür, die kindlichste Experimentiersucht
, deren Ziele und Zwecke selbst dem
wohlwollendsten Beschauer, möglicherweise aber
selbst dem Schöpfer dieser Werke nicht weniger unklar
sind. Da sich, wie man hört, in letzter Zeit
eine Spaltung unter den Künstlern der neuen Secession
ergeben hat, kann man für die nächste Zeit die
Gründung einer „Neuesten Secession" erwarten.
Wenn dann nicht bald energische Klärung eintritt,
muß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen.
— Bei Keller & Reiner war vor ihrer Versteigerung
die Sammlung des Kapitänleutnants a. D. Küthe
ausgestellt, die eine Reihe interessanter Bilder enthielt
. In erster Linie wären verschiedene Liebermanns
zu nennen, eine prächtige „Amsterdamer
Judengasse", ein „Biergarten" und eine „Partie aus
dem Luxembourg-Garten". Dann Slevogt mit einem
kleinen d'Andradebildnis (Champagnerlied aus dem
„Don Juan") und einem farbig äußerst delikaten
„Teetisch". Von Hofmann, Leibl, Trübner,
Schuch und Hodler war manches ebenso Gute zu
sehen wie unter den Franzosen C£zanne, Corot,
Courbet, Daumier, Pissarro undRENOiR. In Anbetracht
der durchschnittlich recht guten Qualität der
Sammlung war das geringe Interesse von privater
Seite und das nur mäßige finanzielle Ergebnis höchst
merkwürdig. — In Gurlitts Kunstsalon ist eine Gedächtnis
-Ausstellung für den Stuttgarter Künstler
H. Pleuer veranstaltet, über die an dieser Stelle
schon berichtet wurde. — Schlimm steht es um die
Aquarelle aus Italien, die von Frau Büchmann
stammen. Dergleichen gehört bestenfalls in den engsten
Familienkreis. — Unter den Objekten, die bei
Keller & Reiner zu finden sind, wäre am ehesten Josse
Goossens zu nennen, der schon auf der letzten
Großen Kunstausstellung mit seinem starken Kolorit,
der kräftigen fleckigen Malweise angenehm auffiel.
Einige der hier gezeigten Arbeiten wie das hübsche
Bild „In der Teestube" oder die „Szene aus dem
Nymphenburger Park" weisen die gleichen Vorzüge
auf, während eine ganze Reihe anderer Stücke —
darunter mehrere große Figurenbilder — weitaus
langweiliger und unorigineller, in Anlehnung an die
Art von Erler oder Putz, ausgefallen sind. — Bei
Paul Cassirer sieht man verschiedene Landschaften
von Leo Klein - Diepold, die wie stets in ihrer
zähen Malweise an Frische vermissen lassen, etwas
weichliche Landschaften von Oskar Moll, wenig
fest und charakteristisch in ihrer Bildmäßigkeit,
hübsche Stilleben von George Mosson und Porträts
sowie Landschaften von Fritz Rhein, in dem
ich im allgemeinen den soliden vornehmen Bildnismaler
höher stellen möchte. Besonders farbig interessant
und von einer ganz amüsanten, teppichartigen
Wirkung sind die Arbeiten des Ungarn Josef
Rippl-Ronai. An Kraft der Farbe, meist
einem brennenden Rot, lassen Pechsteins Bilder
nichts zu wünschen übrig. Mir scheint es aber, als
wenn dieser entschieden talentvolle Künstler gegen
früher zurückgegangen und mit manchem anderen
Mitgliede der neuen Secession gar zu sehr in das
äußerlich dekorative Fahrwasser geraten wäre. Man
hat das Empfinden, als wenn sich der Autor solcher,
aus rohen, grellen Farbkontrasten bestehenden Komposition
an dem rein sinnlichen Reiz der Farbe berauschte
und dabei vergäße, daß er nicht Kunstgewerbe
, sondern ein Bild schaffen wolle. — In
Caspers kleiner Ausstellung sind einige der hod-
lerisch-hölzernen, aber ehrlichen und kraftvollen
Typen Ernst Bielers zu finden und ein helles,
kapriziös geistreiches Bild von Wilhelm Gallhof,
Paris, „Im Spiegel". Grulichs Landschaften und
Städtebilder sind von einer unverständlichen Dürre
und Armut des Tones, Rene Reinickes Illustrationen
und Karikaturen in ihrer zudringlichen Plattheit
einfach unerträglich. Eine Kollektion Leo
Rauths (Leipzig) tut ein wenig zu anspruchsvoll
mit ihren vielen Kostümfiguren usw., höher steht das
Selbstbildnis des Malers. — Zum Beschluß wäre
noch von einer (graphischen) Menzelausstellung im
Kgl. Kupferstichkabinett zu berichten, welche die
außerordentlichen Kostbarkeiten dieser Sammlung
einmal in geschlossener Reihe dem Publikum vorführt
, wertvoll ergänzt durch einige Blätter aus der
ausgezeichneten Privatsammlung des Herrn Ginsberg
in Berlin. j. Sievers
PERSONAL-NACHRICHTEN
|V/I OSKAU. Am 5. Dezember verschied in Moskau
iYA der berühmte russische Maler Valentin Sse-
row, dessen Tod für die moderne russische Malerei
einen großen Verlust bildet. Besonders in der Bildnismalerei
war Sserow größer als irgend ein zeitgenössischer
russischer Maler. Sserow wurde als
Sohn des russischen Komponisten A. Sserow im
Jahre 1865 geboren. a. b.
WAEIMAR. Dem Maler Albin Egger-Lienz in
Hall (Tirol), der mit Beginn des neuen Jahres
sein Lehramt an der Hochschule für bildende Kunst
antreten wird, ist vom Großherzog von Sachsen der
Titel Professor verliehen worden. In verschiedenen
auswärtigen Tageszeitungen wird irrtümlicherweise
berichtet, Egger-Lienz übernähme an Prof. Hans
Oldes Stelle die Leitung der Hochschule für bildende
Kunst. Olde, der als Direktor der Akademie nach
Kassel berufen wurde, war seit Oktober 1910 nur
noch in seiner Eigenschaft als Lehrer an der Hochschule
tätig, die seitdem unter der Leitung des Professors
Fritz Mackensen steht.
/GESTORBEN: In Berlin im Alter von 78 Jahren
der Genremaler Peter Baumgartner, ein
Schüler Pilotys.
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