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WAS IST STIL?
Zweckstil eng zusammen; denn neue Zwecke
erheischen oft neue Materialien, und durch
neue Materialien vermögen bisweilen neue
Zwecke befriedigt zu werden. Unter Zweckstil
, also etwa Kirchenstil, Palaststil, Rathausstil
, haben wir die Gesamtheit der formalen
ANDERS ZORN
FÜRST TROUBETZKOY. RADIERUNG
und gehaltlichen Einflüsse zu verstehen, die
das Werk von seiner Zweckbestimmung her
empfängt; denn naturgemäß bedarf es verschiedener
Mittel zur Erlangung verschiedener
Zwecke. Ist einem Kunstwerke ein Zweck gesetzt
, dann muß es auch in jeder Beziehung
der vollständigen Zweckerfüllung gerecht werden
! In diesem Falle sprechen wir von Zweckstil
, sonst von Stillosigkeit, denn überall wo in
uns die Vorstellung eines angestrebten Zweckes
hervorgerufen wird, das betreffende Werk aber
diesem Zweck nicht gerecht wird, fühlen wir
diese Diskrepanz als einen Mangel. Dies darf
aber nicht so verstanden werden, daß mit dem
Eindruck der Zweckmäßigkeit
auch schon allen Ansprüchen
an Schönheit Genüge
geschieht, denn ein
Ding, das zweckmäßig aussieht
, kann noch sehr kahl,
ärmlich, nüchtern und langweilig
wirken, wie ein
Mensch, der gleich einer
Maschine pedantisch seinen
Pflichten nachkommt. Wie
wir uns im gewöhnlichen
Leben nicht mit einförmiger
Pflichterfüllung begnügen
, so leisten wir auch
in Geschmacksfragen nicht
Verzicht auf die Schönheitswerte
, die uns ein eifernder
Puritanismus nehmen will,
weil sie über die Zweckform
hinausgehen. Es heißt eben
Gestaltungen schaffen, die
nicht nur unseren Zweckansprüchen
genügen und die
ihre Zweckbestimmung klar
und schlicht offenbaren, sondern
auch unsere Sehnsucht
nach schmückender Schönheit
befriedigen. Nur so
möchte ich die Forderung
nach Zweckstil vertreten,
denn fassen wir sie anders,
befürworten wir entweder
phantastische Dekorationen,
die Zweckbedürfnisse verschleiern
und ihnen Gewalt
antun, oder eine Stimmungs-
losigkeit, welche jeden zarten
Duft mordet und in einfache
Nützlichkeit mündet.
Ein neuer Bedeutungstypus
erschließt sich uns,
wenn wir dem Ortsstil unsere Aufmerksamkeit
zuwenden. Er gründet sich auf die Berücksichtigung
aller örtlichen Einflüsse im
Kunstwerke. So ist es sicherlich nicht gleichgültig
, welche Materialien ein Land den Künstlern
darbietet, und es ist leicht einzusehen, daß
der harte Basalt Aegyptens günstige Bedingungen
für die strenge Art seiner Plastik bot,
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