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1 FRANK BRANGWYN
FRANK BRANGWYN
zu geben, noch sie in ihrer Eigenart zu unterdrücken
vermochte. Bis zu seinem 17. Lebensjahre
hatte der aufstrebendejüngling sich darauf
beschränken müssen, nach Donatellos Skulpturen
oder nach Mantegnas Bildern korrekte
Zeichnungen anzufertigen, dann war er in
Morris' Atelier dazu verhalten worden nach
Entwürfen des Künstlers Tapeten und Stoffmuster
auszuführen, ohne sich dabei die besondere
Zufriedenheit seines Lehrers zu erringen
, bis er schließlich im Alter von 1 7 Jahren
seine ersten geringen Ersparnisse zu einer
kleinen Kunstreise an die Ufer der Themse
verwendete, an die sich seine erste Seereise auf
dem Schiffe eines befreundeten Kapitäns anschloß
. Befreit von den lästigen Fesseln
des Werkstattzwanges war hier sein großes
malerisches Talent fast plötzlich in Erscheinung
getreten, um von nun ab stetig zu wachsen
und sich weiter zu entwickeln. Ohne Vorschulung
auf diesem Gebiete begann er frei
nach der Natur zu arbeiten, entwickelte dabei
ein Verständnis für das Wesentliche undCharak-
teristische alles Geschauten und handhabte
Stift und Pinsel mit einer Freiheit und Sicherheit
, die ihm die Bewunderung seiner dama-
DIE MÄHER (LITHOGRAPHIE)
ligen Freunde und Gönner in reichem Maße
eintrug. Fast ausschließlich beschäftigten ihn
in dieser Frühzeit See- und Flußlandschaften
sowie Darstellungen aus dem Leben und Treiben
der Seeleute, und den atmosphärischen Stimmungen
seiner Heimat entsprechend, strebte er
hier einheitliche gedämpfte Tonwirkungen an.
Sein außerordentlich feiner Farbensinn, der
ihn schon in seinen frühen Knabenjahren in
dem blühenden Garten seines Geburtshauses
zu Brügge berauschende Farbenharmonien erblicken
ließ, die sich wie starke Erlebnisse
in seine Seele gruben, fand neue Nahrung während
eines langen Reiselebens. Brangwyn besuchte
Kleinasien, die Donauländer, Syrien,
Tunis, Marokko, Südafrika, Spanien und Italien,
lernte die glühenden Lichteffekte des Orients
kennen und gewann hier die Kühnheit und
Kraft der Farbengebung, die die Werke seiner
Meisterzeit auszeichnet.
Ist sein „Begräbnis zur See" noch vorwiegend
in dunkeln, trüben und unausgesprochenen
Farben gehalten, so zeigen seine Aquarellskizzen
„Von der Scheide bis zur Donau" bereits eine
frischere, kräftigere Farbengebung, bis er uns
in seinem 1893 entstandenen „Buccaneers"
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