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I JACOB MARIS — BISMARCK UND DIE KUNST
weiß ich nicht. Ich habe auch bisher immer geglaubt
, daß das Lesen vieler Bücher noch kein Beweis
für Kunstverständnis sei. Außerdem hat Herr
Strecker nicht einmal verstanden, daß meine Bemerkung
lobend gemeint war: „Gott sei Dank
verstand Bismarck nichts von historischer Kunst.
Er würde gewünscht haben, ein Denkmal aus dem
Geist seiner Zeit heraus zu erhalten." Das war
der auf der Hand liegende Sinn meiner Worte. Es
ist nicht schön von Herrn Strecker, daß er mir die
Freude mißgönnt, auch in diesem wie in anderen
Punkten mit Bismarck übereinzustimmen.*)
Ein anderer Kritiker in der „Post" benutzt meine
Bemerkung, daß die keltische Dolmen-Setzung des
einen Entwurfs an „Nordisches Barbarentum" erinnere
, dazu, es „beschämend" zu finden, „daß ein
deutscher Kunstgelehrter noch heute von nordischen
Barbaren spricht, nachdem man sich gerade
ungefähr darüber klar ist, daß alle hochgediehenen
Kulturen des Altertums im Grunde germanisches
Geisteseigentum gewesen sind." Es scheint, daß
einige Werdandi-Leute auf der Lauer liegen, ob sie
jemand bei der Kritik altkeltischer Kunst ertappen
können. Wer die Stelle liest, wird sich
sagen müssen, daß ich dabei nicht entfernt daran
dachte, die germanische Frage aufzurollen, sondern
daß es sich für mich nur um den Gegensatz zwischen
historischer und moderner Kunst handelte.
i schließen. Hinzu kommt noch, daß er immer
i von neuem zu Pinsel und Palette griff, um
I diese kleinen Weltbürger bei den verschieden-
1 artigsten Beschäftigungen und in stets neuen
Situationen auf der Leinwand festzubannen.
Es spricht aus all diesen Gemälden ein liebe-
i voller Vater, der alle die vielen Sorgen dieser
, kleinen Wesen mit der ihnen eigenen wichtigen
i Miene mittrug. Er empfand ihr reiches Innen-
i leben, spürte ihm nach und sonnte sich in
seinem häuslichen Glück. Und die Liebe zu
1 seinem eigenen Heim übertrug er auch auf
seine Freunde. Er liebte die Geselligkeit,
keine großen lärmenden Feste, aber einen
fröhlichen Kreis guter Bekannter sah er gern
I um sich. An solchen Abenden erfreute der
I älteste Sohn des Künstlers die Gesellschaft
I durch gute Musik; denn Jacob selbst war ein
I aufrichtiger Verehrer der Tonkunst, vor allem
I Beethovens. Da Maris ein so empfängliches
' Herz für alles wahre Schöne hatte, so kommt
es uns fast selbstverständlich vor, daß er auch
stets hilfsbereit war. Gerne unterstützte er
i seine Kunstbrüder, die in Not waren, sei es,
I daß sie ihn um Rat baten, bei ihren Arbeiten,
| sei es, daß sie an den täglichen Lebensbedürf-
| nissen Mangel litten. Auch kaufte er Werke
I junger vorwärtsstrebender Künstler, um ihnen
| zu helfen und ihre Schaffensfreude zu erhöhen.
Vergebens klopfte kein Bedürftiger an Maris'
Tür. So wurde denn Jacob Maris allmählich
l nicht nur ein gefeierter Künstler, sondern als
i Mensch auch verehrt und hochgeschätzt. Und
| als er am 8. August 1899 in Karlsbad, wo er
\ Genesung von einem Leiden suchte, die Augen
I für immer schloß, da standen an seiner Bahre
I nicht allein seine Verwandten, sondern ganz
Holland trauerte um seinen dahingeschiedenen
großen Sohn.
! BISMARCK UND DIE KUNST
Von Herrn Professor K. von Lange in Tü-
I hingen erhalten wir folgende Einsendung zum
I Abdruck:
| Mein Gutachten über die Frage des Bismarck-
i Nationaldenkmals auf Seite 205 des Februarheftes
i hat Herrn Carl Strecker so gereizt, daß er in der
„Täglichen Rundschau" vom 18. Januar in einem
„Aesthetiker - Weisheit" überschriebenen Artikel
böse über mich herfällt. Meine Bemerkung: „Bismarck
verstand nichts von Kunst und Kunstge-
I schichte. Er würde einem Denkmal in historischen
I Formen sicher nicht das Wort geredet haben" bezog
| sich natürlich auf die bildende Kunst in ihren hi-
| storischen Formen. Herr Carl "Strecker hält mir
entgegen, daß Bismarck sehr viel gelesen, ein gutes
* Gehör gehabt und Melodien gut auswendig gelernt
[ habe. Was das mit meiner Behauptung zu tun hat,
Zu unserer Rundfrage in Sachen der Entscheidung
des Bismarckdenkmal-Wettbewerbes
erhalten wir noch die nachstehenden Antworten:
Professor Freiherr Hugo von Habermann,
München :
Ich hätte unbedingt für Ausführung des Hahn-
Bestelmeyer-Projekts gestimmt, wenn ich Mitglied
der Preisjury gewesen wäre.
* *
*
Dr. W. Hagelstange, Direktor des Wallraf-
Richartz-Museums in Köln:
Ich bin kein Freund derartiger Rundfragen, mag
mich auch nicht mehr des langen und breiten über
eine erledigte Sache äußern, will aber dennoch nicht
unterlassen zu sagen, daß ich — nicht etwa aus
lokalpatriotischen Gründen — mich für den ersten
Entwurf Brantzkys entschieden haben würde.
Professor Adolf von Hildebrand, München:
Ich habe Ihre erste Aufforderung dankbar erhalten,
aber geschwiegen, weil ich überhaupt solche Denkmäler
in der Landschaft für verfehlt halte und diese
Anschauung für die jetzt gegebene Streitlage nicht
mehr in Frage kommt. Bei solchen Denkmälern,
wo die Menschen von weitem hinziehen müssen,
wird das Restaurant zuletzt immer die Hauptrolle
spielen. Doch wie gesagt, es hat keinen Sinn, meine
Ansicht näher darzustellen, weil der Zeitpunkt zu
spät, und ich vermeide es deshalb mich in den
jetzigen Streit hineinzumischen.
*) Eine der ,,Täglichen Rundschau" eingeschickte Erwiderung
, die ungefähr den obigen Wortlaut hatte, ist nur in verstümmelter
Form abgedruckt worden. Diesen Kampf mit
ungleichen Waffen möchte ich in dem Berliner Blatt nicht weiterkämpfen
.
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