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i WINTERAUSSTELLUNG DER MÜNCHENER SECESSION
mit feinem Aestelwerk, Frühlingswiesen und
selig verblauende Ferne. Wer dächte da nicht
an Waldmüllers Prater-Landschaften, die uns
trotz der sogenannten „veralteten Mache"
Freude und Wärme ins Herz gießen? Aehn-
lich werden wir vor Arbeiten von Nowak,
Karl Müller und Ludwig Rösch nicht allein
aus motivischen Gründen an R. v. Alt gemahnt.
Ernst Eck, um bei der Reihe der Landschafter
und Freilicht-Architektoniker zu bleiben, spürt
in den Parken von Schönbrunn und Nymphenburg
(Abb. S. 284) rokokomäßiger Gartenpracht
nach, Esterle schildert den Hochgebirgswinter
mit seinen saftigen violetten Schatten (Abb.
S. 280), und zwar mit größerer Innigkeit der
Naturanschauung als der Pole Filipkie"wicz,
der neben seinen Stilleben ähnliche Motive,
aber mehr aus oberflächlicher Anschauung
heraus, behandelt. Harlfingers „Toblach"
(Abb. S. 271) erinnert mich an die erlesene
Freilichtkunst des alten Hamburgers Wasmann,
den man in seiner faszinierenden impressionistischen
Wucht erst auf der „Deutschen Jahrhundert
- Ausstellung" kennen lernen durfte.
Von Wasmann gab es damals in Berlin ein
Bild „Meran" zu sehen, das mit Harlfingers
„Toblach" auffallende innere Zusammenhänge
hat... Hohenberger, der eine starke eigene
Begabung ist, hat unter anderem ein interessantes
Bahnhofbild mit einem kalten, schweren,
rauchgeschwängerten Winterhimmel gesandt
(Abb. S. 281), von Sigmundt sieht man neben
sonstigen landschaftlichen Arbeiten (meist mit
dem Einschlag des Erntemotivs) einen „ Gemüsegarten
", der durch die außerordentlich delikaten
Grün-Schattierungen unseren Beifall findet.
Stöhr endlich hat, wie früher, winterliche
Mondnächte und sommerliche Waidinterieurs
mit figürlicher Staffage zur Ausstellung geschickt
.
Die Plastik ist nur schwach vertreten: elf
Werke von Bacher, Hofmann-Wien, Me§tro-
vic und Szymanowski zählt der Katalog auf,
und eigentlich nur eines davon, die polychrome,
aus Lindenholz geschnittene, rassige „Turan-
dot" Hofmanns hat mir einei. mehr als momentanen
Eindruck vermittelt.
Desto imposanter tritt die graphische Kunst
in die Erscheinung. Die außerordentliche künstlerische
Persönlichkeit Ferdinand Schmutzers
beherrscht hier das Feld. Mehr als
siebzig Radierungen seiner Hand, darunter alle
Hauptwerke: das Joachim-Quartett, die Reiterin,
die Bildnisse von Lueger, Heyse, Kainz (Abb.
S. 277), „Chrobak im Hörsaal", aber auch eine
ganze Anzahl kleiner, intimer, nur wenig bekannter
Blätter sind zusammengebracht worden
und geben uns ein überwältigendes Bild einer
schier unerschöpflichen Schaffenskraft, einer
plastischen Porträtierungskunst, eines ungewöhnlichen
technischen Könnens. Angesichts
einer solchen Kollektion erkennt man mit hoher
Freude, welche von den meisten kaum geahnten
Möglichkeiten in der edlen Radierkunst
liegen, und es ist zweifellos, daß Serien wie
diese der Radierung zahlreiche Freunde gewinnen
müssen. Um die Kollektion Schmutzer
gruppiert sich manches Verwandte: temperamentvolle
Radierungen vonjETTMAR, überaus
feine, humorvolle farbige Holzschnitte von
Walther klemm-Dachau (Abb. S. 288), landschaftliche
Holzschnitte von Stoitzner und
Thiemann, groteske Illustrationen von Wacik
und allerlei amüsantes Schnitzelwerk von
Zdrazila, Stolba, Schmoll v. Eisenwerth
und Liebenwein.
II. HUBERT VON HEYDEN f
Im oberen Stockwerk ist ein Nachlaß ausgestellt
. Das Lebenswerk eines feinen, delikaten
Künstlers, der nie sonderlich hervortrat,
zu dem aber seine Leute, Kenner unaufdringlicher
Werte, dennoch ihren Weg fanden. Im
Tod noch geht es ihm wie im Leben: er haust
abgeschieden für sich, über den anderen, und
man muß sechzig Stufen einer engen, unbequemen
Wendeltreppe emporsteigen, wenn man
zu ihm kommen will ... Hubert von Heyden,
der von Berlin kam, aber im Laufe mehr als
zwanzigjährigen Schaffens in München zum
Münchner wurde, vertrat ein Fach, das nicht
zu den populärsten gehört: er war Tiermaler.
Schweine und Federvieh, Pfauen zumal, malte
er mit jener sachlichen Liebe, die wir an so
manchem Tiermaler alter und neuer Zeit bewundern
. Daß sich Heyden in München nicht
so recht durchzusetzen vermochte, daran trug
der Umstand schuld, daß ihm die universalere
künstlerische Persönlichkeit Heinrich v. Zügels,
des größten Tiermalers dieser Zeit, und späterhin
die mächtig anschwellende, brillante Phalanx
der Zügel-Schüler im Lichte stand. Und
doch hatte gerade er mit Zügels Kunst manchen
Berührungspunkt, vor allem den wichtigsten:
die kosmische Anschauung. Auch er malte
keine simplen Tierporträts, schnitt das Tier
nicht als Sonderwesen aus seiner Atmosphäre,
aus der Natur, aus seiner Umgebung heraus.
Auch bei ihm ist der bestimmende landschaftliche
Einschlag erkennbar, und auch bei ihm
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