Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 25. Band.1912
Seite: 286
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DIE AUSSTELLUNG DES DEUTSCHEN KÜNSTLERBUNDES IN BREMEN

auf den Standpunkt des Künstlers stellen, daß
der Inhalt nichts, die Form alles bedeute.
Und es ist reiner Zufall, wenn der Künstler
einmal einen Inhalt trifft, der dem kaufenden
Publikum sympathisch oder wenigstens nicht
unsympathisch ist.

Auch die künstlerische Gestaltung ist es oft,
die den Verkauf eines Bildes erschwert. Die
einfachen Verhältnisse der alten Zeit, die
Uebereinstimmung des Künstlers mit dem
Publikum in wichtigen Fragen der Kultur
und des Geschmacks erzeugte jene Ruhe und
Sicherheit des Stils, die wir an den alten Werken
immer von neuem bewundern. Heutzutage haben
wir keinen einheitlichen malerischen Stil. Es
ist auch nicht einmal wünschenswert, daß ein
solcher künstlich wieder erzeugt werde. Aber
man muß sich auch die wirtschaftliche Konsequenz
davon klar machen. Sie lautet, daß der
Geschmack des Publikums ziemlich selten mit
dem des Künstlers übereinstimmen wird.

Das gilt schon für rein äußerliche Dinge.
Die alten Bilder hatten alle ihre bestimmte
Größe und ihr hergebrachtes Format. Das
Altarbild sollte auf dem Altar, also in der
Achse der Kirche und in einer bestimmten
architektonischen Umgebung stehen. Das Porträt
sollte in einer jener niedrigen dunkelgetäfelten
Bürgerstuben hängen, in denen unsere
Altvorderen wohnten. Daraus ergaben sich
gewisse Grenzen für Größe und Format, die
nur selten überschritten wurden. Unsere heutigen
Staffeleibilder haben den Zusammenhang
mit dem Raum verloren. Der Maler, der ja den
künftigen Käufer nicht kennt, weiß auch nicht,
in welchem Raum, an welcher Stelle der Wand
sein Bild einst hängen wird. Es ist aber klar,
daß darunter die Verkäuflichkeit des letzteren
leiden muß, denn es ist reiner Zufall, wenn
ein Bild, das sonst gefällt, gerade an die Stelle
paßt, die allein dafür in Betracht kommen
kann. Das Schlimme ist eben, daß unsere
heutigen Bilder nicht für die Wohnung, sondern
für die Ausstellung gemalt werden. Sie
sollen sich in großen Sälen neben zahllosen
anderen Bildern zur Geltung bringen. Daraus
ergibt sich eine Vorliebe für große Formate,
die vielfach gar nicht mehr im Wesen des
Staffeleibildes liegen. Die zurückgedrängte Sehnsucht
nach monumentaler Gestaltung findet
hier ihre Befriedigung. Aber welcher Privatmann
hätte über seinem Sofa Platz, um das
Bild einer lebensgroßen Kuhherde oder einer
kolossalen Gebirgslandschaft aufzuhängen?
Derartige Bilder passen nur für eine Galerie.
Wie gering ist aber die Zahl der Galerieankäufe
im Vergleich zu den Privatankäufen!
Man sollte sich doch nicht wundern, wenn
solche Bilder unverkauft bleiben.

Die Ausstellungspraxis verführt sodann zur
Wahl seltsamer Stoffe, um die Aufmerksamkeit
zu erregen. Gewisse Werke bekannter
lebender Maler sind unter diesem Einfluß entstanden
. Man darf sich gewiß nicht wundern,
daß ein Privatmann, der doch eine natürliche
Neigung hat, sich Bilder mit sympathischem
Inhalt in sein Zimmer zu hängen, solche Bilder
nicht kauft.

Und selbst wenn Größe, Format und Inhalt
sympathisch sind, wie selten ist es, daß Komposition
und Farbenstimmung zu der Umgebung
passen! Die alten Meister wußten genau, wie
die farbige Umgebung ihrer Werke sein würde.
Sie konnten ihr Kolorit danach berechnen, und
waren sicher, daß die Bilder mit ihrer Umgebung
ein dekoratives Ensemble bilden würden.
Der heutige Maler steht auch in dieser Beziehung
vor einer unbekannten Größe. Sein
Bild ist losgelöst von allen äußeren Bedingungen
des Daseins, ein Ding an sich, das in der Luft
schwebt, von niemandem begehrt wird, nirgends
eine Lücke ausfüllt, kein Bedürfnis befriedigt.
Man hat ihm so oft gesagt, der „Plakatstil"
sei das einzig Wahre. Es komme nicht auf
intime Versenkung, sondern auf „dekorative
Wirkung" an. Kein Wunder, daß er nun Plakate
malt, daß ganze Schulen und Gruppen
einen Plakatstil ausgebildet haben, der für
unsere Wohnungen nicht paßt. (Der Schluß folgt)

DIE AUSSTELLUNG DES DEUTSCHEN
KÜNSTLERBUNDES IN BREMEN

FVe Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes
*-J 1912 in Bremen wurde in der Kunsthalle am
4. Februar (statt wie geplant am 1.) eröffnet. Anläßlich
der ersten Ausstellung des Künstlerbundes in Weimar
, der Gründungsstadt und Alma Mater dieses
Schutz- und Trutz-Bundes, schrieb ich in dieser
Zeitschrift über die Gefahr des zu häufigen Ausstellens
. Es schadet mehr, als man glaubt. Seitdem
hat der Bund alle Jahre ausgestellt, hat ausstellen
müssen, weil — der Preis der Villa Romana-
Stiftung alljährlich verteilt werden soll! Gerade
das, was heute der Kunst und den Künstlern so
sehr schädlich ist, das für jede Ausstellung etwas
„fertig haben" müssen, das muß der Deutche Künstlerbund
mitmachen, anstatt sich von dieser Unsitte
frei zu machen und dahin zu wirken und zu streben
, daß jedes Talent zu seiner Probe, dem Kunstwerk
, Zeit und Ruhe zur Reife gewinnt. Das ist
bedauerlich und die 1906 drohende Gefahr des Allzuviel
droht noch heute. Sie wird nicht eher beseitigt
oder gemindert, bis man sich entschließt,
bewußt zu „verzichten" und nur nach längeren
Zwischenräumen wieder Heerschau zu halten. Alle

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