Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 25. Band.1912
Seite: 341
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! ALBERT BESNARD I

Von Otto Grautoff

Der französische Maler Albert Besnard
gehört zu den Lieblingen des deutschen
Publikums und genießt in sehr verschiedenen
Künstlerkreisen unseres Landes besondere
Hochschätzung. Der hohe Respekt, den seine
Bilder auf deutschen Ausstellungen erweckt
haben, gibt jungen, deutschen Malern, die als
Neulinge in die Pariser Welt treten, die Veranlassung
, das geistige Haupt der Societe
nationale des Beaux-Arts in seinem Atelier
in der Rue Guillaume Teil im Weichbild der
Stadt aufzusuchen. Einigen ist die Erfüllung
dieses Wunsches ein dringliches Bedürfnis.
Andere, vornehmlich diejenigen, welche ihren
Aufenthalt in der französischen Hauptstadt
in die Länge zu dehnen vermögen,
nehmen erst die tausendfältigen Anregungen
auf, die die Stadt und die Sammlungen geben,
dann vergessen sie darüber den Drang ihrer
ersten Tage, die Arbeitsstätte des berühmten
Franzosen aufzusuchen, und mit dem erfolgreichen
Künstler Zwiesprache zu halten. Im Frühjahrssalon
werden sie wieder an ihren ersten
Wunsch gemahnt. Sie stehen staunend vor der
Geschicklichkeit, die der Sechziger in einem
neuen Decken- oder Wandgemälde entrollt. Eifersucht
und Neid wachen in ihrem Herzen auf,
aber sie fühlen sich nicht befriedigt, weil sie
nicht hingerissen werden. So wecken die
Malereien Besnards im Geiste des betrachtenden
Künstlers zwiespältige Empfindungen, unzufriedene
dann, wenn der die Werke betrachtende
Künstler seiner Einsamkeit inmitten des
ihn umgebenden Publikums gewiß wird, das vor
den Gemälden in echter und natürlicher Begeisterung
aufatmet. Der zuschauende Kritiker,
der zwischen dem Künstler und dem Publikum
steht, nimmt allein die mürrischen Falten
des jugendlichen Künstlers wahr, fängt allein
die unzufriedenen Blicke auf, die der junge
Maler bald auf die Bilder, bald auf das Publikum
richtet, und sucht den Kern des Zwiespaltes
aufzuspüren, der den strebenden sehnenden
Jüngling mit der Menge entzweit. Er
geht dem verstimmten Künstler nach und sieht
ihn in einem ferneren Saal vor einer anderen
Leinwand verweilen, auf der ein Maler in
ungezügeltem Feuer, in ungebändigtem Maß,
ja vielleicht in heiterer Verwegenheit aus den
scharf erkannten Grundelementen eines großen
Vorfahren mit stürmendem Willen eine neue
Welt zu bauen versuchte. Hier glätten sich

die Falten des jungen Mannes; hier leuchtet
sein Antlitz. Die Ergriffenheit seines Herzens
will sich in Worten befreien. Er blickt um
sich und sieht sich zum zweiten Male allein;
denn an diesem Bilde schlendert die Menge
vorüber.

Diese verschiedenen Mißverhältnisse in der
Einschätzung der Malerei, die sich einmal
wie eine Beleidigung des Publikums, ein
anderes Mal wie eine Beleidigung der strebenden
, suchenden Jugend ansehen, lassen sich
immer auf dieselbe Ursache zurückführen.
Der nach persönlichem Ausdruck persönlichen
Empfindens ringende junge Künstler sucht in
den Werken der Meister nach unentwickelten
Keimen, die ihr Ueberfluß in die Tiefen ihrer
Werke senkte. Die Augen der Enkel durchschauen
die äußere Vollendung ihrer Formenwelt
und fahnden in den Tiefen des Grundes
nach der Saat, die ihre Unbewußtheit ausstreute
. Darin entdecken sie neue Möglichkeiten
; die nehmen sie auf und trachten sie
zur Entwicklung zu bringen, um eine neue

A. BESNARD IM ATELIER

Die Kunst für Alle XXVII. 15. 1. Mai 1912

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