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MÜNCHENER AUSSTELLUNGEN — PERSONAL-NACHRICHTEN
erstklassiger Holbein das größte Aufsehen, das
Bildnis eines jungen Mannes, das schon lange im
Bayerischen Nationalmuseum sich befindet, aber
erst kürzlich von H. Buchheit als Holbein zugehörig
festgestellt worden ist. — In Brakls Moderner Kunsthandlunghat
Leo Putz eine Kollektion zusammengestellt
, die neben einer Reihe älterer, hier schon länger
hängenden Stücke, auch eine Anzahl Malereien
neueren und allerneuesten Datums aufweist. Putz
ist in letzteren abermals einen Schritt vorwärts gegangen
, aber wie schon bei den vorangehenden
Etappen seiner Entwicklung, handelt es sich auch
hier wieder nur um ein Fortschreiten rein äußerlicher
Natur. Wie ich gerne zugebe, hat Putz bei
dem mehrfachen Wechsel seiner Technik jedesmal
auch eine Vervollkommnung und vor allem Bereicherung
der formalen Ausdrucksmittel erzielt, eine
Entwicklung des inneren Gehaltes seiner Arbeiten
ist damit aber nicht verbunden gewesen. Man hat
das Gefühl, daß Putz, arbeitet er so weiter wie bisher,
eben der bloßen Steigerung der technischen Bravour
wegen, unfehlbar eines Tages bei der blanken Manier
anlangen muß, vorderhand hat die hastige äußere
Entwickung ihn zu einer Kunst aus zweiter Hand
geführt. Denn Putz stützt sich neuerdings deutlich
auf modern-französische Malweisen und macht daraus
auch, was äußerlich daraus gemacht werden kann.
Da ist ein Bild da, Sonnenstrahlen betitelt, mit
zwei weiblichen Figuren, von denen die eine mit
entblößter Brust auf der Erde liegt, während die
andere im gestreiften Kleid daneben sitzt. Das Stück
ist gewiß mit viel Empfindung für die Sinnlichkeit
der Farben komponiert, ist koloristisch weit gesättigter
, als die Stücke früherer Stadien, auch die
Zusammenordnung der breiten, farbigen Flächen ist
mit viel Geschmack und guter Abwägung vorgenommen
, im Kerne bietet es aber doch nicht mehr
als eine Probe tüchtigen Malenkönnens und dies ist
in einer Zeit, die weit mehr wieder, wie noch jene
vor einem Lustrum, ahnt, worauf es in der Kunst
eigentlich ankommt, zu wenig. Wir verlangen heute
dringend nach einer Kunst, die einem starken inneren
Erlebnis entspringt, sei sie nun impressionistischen
oder expressionistischen Ausdrucks und wir
empfinden nur wenig Freude mehr an einer Malerei,
die lediglich reiner Aufgabenstellung entspringt. Die
Putzschen Arbeiten erinnern aber in den meisten
Fällen durch ihren ganzen Habitus immer wieder an
dieses „Ich will jetzt ein Bild malen" und mir will
es scheinen, als seien die frühen Arbeiten des Künstlers
seinen letzten, trotz des starken äußeren Fortschrittes
dieser, in künstlerischer Hinsicht überlegen.
Damals stand Putz unter stärkeren und tiefergehen-
deren künstlerischen Sensationen wie heute. Erich
Erler, der gleichfalls bei Brakl mit einer neuen
Kollektion anrückt, hat sich in letzter Zeit sehr zu
seinem Vorteil entwickelt. Es istnun bedeutend mehr
Freizügigkeit in seinen Sachen, wie früher, die Formen
sind lockerer und beweglicher geworden, auch
das Feingefühl für farbige Werte hat sich entschieden
gehoben. Die ,,Königsreiter" sind ein erfrischendes
Gemälde, auch der „Reiter im Gestöber" ist eine
gute Leistung. In der Serie Feldbauer möchte
ich auf einen sitzenden, weiblichen Akt, mit Blumen
zur Seite, von lichter, zarter Gesamtfärbung
verweisen. Ich halte diese Malerei für die beste,
die derzeit bei Brakl zu sehen ist; auch auf das
Porträt eines Bildhauers von Fritz Erler muß man
aufmerksam machen, da es sicherlich den zusagendsten
Bildnisarbeiten des Malers zuzählt. rohe
PERSONAL-NACHRICHTEN
HANNOVER. Dr. Behncke, seit etwa vier Jahren
Direktor des städtischen Kestnermuseums, ist
an Stelle des plötzlich verstorbenen Dr. Brüning zum
Leiter des Provinzialmuseums gewählt. Dr. Behncke
hat ein Jahr unter Tschudi an der Nationalgalerie
und sechs Jahre unter Geheimrat Lessing am Berliner
Kunstgewerbemuseum gewirkt und sich auch
in kunstwissenschaftlichen Forschungen literarisch
betätigt. Das Kestnermuseum ist unter seiner Leitung
durch geschmackvolle Neuordnung und zielbewußte
Vermehrung der Sammlungen um ein gutes
Stück vorwärts gebracht. Hoffentlich wird die hier
mit so schönen Erfolgen eingesetzte Kraft sich auch
in dem neuen Wirkungskreise bewähren und in das
vielgestaltige Sammelinstitut der Provinz frische Bewegung
bringen,.
T EIPZIG. Am 13. März ist hier der Direktor des
-^Städtischen Museums für bildende Künste, Geheimrat
Dr. Theodor Schreiber, im Alter von
64 Jahren gestorben. Er hat das Leipziger Museum
seit 1886 geleitet und trotz schwieriger Verhältnisse
zu gedeihlicher Entwicklung gebracht. Auch
als Schriftsteller hat Schreiber sich bekannt gemacht
. Besonders war er ein ausgezeichneter Kenner
des alexandrinischen Zeitalters. Die Summe des
von ihm für das Museum Geleisteten ist aus dem
1907 bei Bruckmann in München erschienenen großen
Galeriewerk über das Leipziger Museum ersichtlich.
MÜNCHEN. Am 13. März starb hier im Alter
von 66 Jahren der Maler Otto Seitz, Professor
an der Akademie der bildenden Künste in München.
Er ist aus der Pilotyschule hervorgegangen, seine
ersten Werke, die deutlich das Merkmal dieser Schule
trugen: „Maria Stuart und der Sänger Rizzio", „Der
Triumph der Galathea", „Die Ermordung der Söhne
Eduards" fanden allgemeine Beachtung. Später lehnte
er sich an die großen Holländer nicht nur in Technik,
sondern auch im Gegenständlichen durchaus an und
malte wie diese Bauernszenen, Kneipen und dergleichen
. Am unabhängigsten und originellsten war er
in seinen Landschaften. Auch seine in Holzschnittmanier
ausgeführten Zeichnungen, so die bekannten
Totentanzbilder, zeugen von starker Eigenart. Seitz
hat nicht weniger wie 39 Jahre an der Münchener
Akademie als Lehrer gewirkt.
lyiÜNCHEN. Am 19. März verstarb an einem
iVA Herzschlag bei einer Bergtour der Maler und
Lehrer an der hiesigen Kunstakademie Professor
Frank Kirchbach. Kirchbach wurde am 2.Juni 1859
in London geboren, seine künstlerische Ausbildung
erhielt er bei Leon Pohle in Dresden und Alexander
Wagner in München. Ein späterer Studienaufenthalt
in Paris brachte ihn stark unter den Einfluß Munkacsys.
1889 zog er von München nach Frankfurt a. M., wo
er als Meisterlehrer und später als künstlerischer
Direktor an der Kunstschule des Städelschen Institutes
tätig war, welche Stelle er 1895 aufgab, um
wieder nach München zu ziehen. Von seinen Werken
sind hervorzuheben: Herzog Christoph der Kämpfer
an der Leiche des letzten Abensbergers (Kunstvereinsgalerie
München), dann die Wandgemälde
zum Nibelungenlied in der Drachenburg bei Königswinter
, Christus vertreibt die Händler (Kunsthalle
Hamburg), Lasset die Kindlein zu mir kommen,
Raub des Ganymed, ein Altarbild in der Neuhauser
Kirche zu München, und aus den letzten Jahren
hauptsächlich Bildnisse.
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