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I OTTO GREINER
Gelassenheit seiner Arbeiten wird durch die
Gedanken, die ihn bedrängen, nicht gestört;
glücklicher als Klinger, den der Mann und
sein Werk als ihren Meister bekennen, gerät
er nur selten in die Gefahr, seine Schöpfungen
durch Grübelei und gedankliche Beziehungen
zu beschweren und zu trüben, und vielleicht
ist es der den Untergrund seines ganzen
Wesens bildende gesunde handwerkliche Zug,
der ihn vor dieser Klippe bewahrt. Denn zuletzt
mündet doch alle seine Problematik stets
in die rationelle Frage: wie mache ich's?
Die Klarheit, Festigkeit und strenge Durchbildung
der Form sind es, worauf der künstlerische
Reiz und Wert der Blätter und Bilder
Greiners in erster Linie beruht. Nirgends
findet man bei ihm Unbestimmtheiten, Halbheiten
oder Flüchtigkeiten, nirgends versucht
er durch Listen oder Dreistigkeiten zu verblüffen
, sondern überall zahlt er mit vollwertiger
Münze, und Vorzüge wie Mängel geben sich
aufrichtig zu erkennen. Seine Schöpfungen
ermangeln jener „zuckenden Nervosität", die
heute so geschätzt wird; sie sind Erzeugnisse
strenger Selbstzucht, in denen sich die Phantasie
durch einen starken künstlerischen Willen
und Intellekt gebändigt zeigt; sie besitzen die
innere Sicherheit und die Kraft der Reife, und
es wird in ihnen jene Ruhe fühlbar, die beim
wahrhaft schöpferischen Künstler der unendlichen
Meerestiefe gleich unter der Oberfläche
der Bewegung und Leidenschaft beharrt und
die ihm die Tiefe und die Beherrschung gibt.
Greiner ist ein bauender Geist, noch mehr vielleicht
ein konstruktiver. Er baut seine Bildgedanken
nach tektonischen Gesetzen auf, er
konstruiert seine Kompositionen so sorgfältig
durch, daß sie zu einem unzerreißbar fest
gefügten Ganzen erwachsen. Jeder Einzelheit
seiner Entwürfe versichert er sich durch die
eingehendsten Studien, und diesem Verfahren
verdankt die für Greiners Schaffen so charakteristische
Fülle köstlicher Studienblätter ihre
Entstehung. Selbst die kaum spannenlangen
Figürchen seiner geistvollen Exlibris sind auf
diese Weise vorbereitet worden, und die Entstehung
des Sirenenbildes kann man von Einzelstück
zu Einzelstück bis auf die Olive im
Vordergrunde an seinen Studien verfolgen.
Die Energie, mit der Greiner der Natur die
Motive, Bewegungen und Formen zu entreißen
versteht, deren er zu seinen Kompositionen
benötigt, und die Feinheit, mit der er bei einem
solchen Verfahren den Raum seiner Blätter
und Bilder zu füllen weiß, verdient alle Bewunderung
, aber freilich ist mit ihm auch
notwendig der Mangel verknüpft, daß es seine
Arbeiten einer gewissen Leichtigkeit beraubt.
Wenn es richtig ist, daß jedes Kunstwerk von
einem Hauche der freien künstlerischen Laune,
der es seine Entstehung verdankt, belebt sein,
daß es nach allen Mühen der Vorbereitung
zuletzt doch als ein überlegenes Spiel der
schaffenden Phantasie erscheinen sollte, so
wird dieser Eindruck durch die immer fühlbare
konstruktive und technische Festigkeit
und Gediegenheit der Arbeiten Greiners verscheucht
, und auf den zarten Schmetterlingsglanz
der scheinbaren Improvisation muß man
neben den vielen Schönheiten, die sie bieten,
verzichten.
Wenn man die gegenwärtige Lage der deutschen
Kunst obenhin überblickt, so scheint
eine Persönlichkeit wie Greiner isoliert und
exzentrisch zu stehen, aber eine nähere Betrachtung
lehrt, daß er in der Tradition unserer
Kunst seinen sicheren und bedeutenden Platz
behauptet. Es ist Menzel, an den er sich
zuerst hielt und mit dem er den entschlossenen
Wirklichkeitssinn teilt, und Menzels Einfluß
auf ihn potenzierte sich, als er sich von
Klinger befruchten ließ, der ja selbst von
Menzel ausgegangen ist. Durch Klinger aber
gewann er Fühlung mit jener Gruppe der
Deutsch-Römer, deren große Leistung die
Neudeutung, die aus modernem Empfinden
entsprungene Vergeistigung der Natur bildet.
Die Kunst der Gegenwart sucht ihr Heil
in anderen Quellen, aber ich glaube, daß
in der von Greiner vertretenen Tradition
noch gewaltige, reicher Entwicklung fähige
Kräfte liegen, deren eine große Zukunft
harrt, und manche Anzeichen weisen darauf
hin, daß ein jüngeres Geschlecht, dem es
freilich nicht leicht wird emporzukommen,
auf diese Tradition zurückzugreifen strebt.
Geschieht dies, so wird Greiners Persönlichkeit
historisch verständlicher werden, und er
wird dann berufen sein, durch sein Schaffen
in unserer Kunst fortzuwirken, indem er den
goldenen Eimer einer großen und reichen,
von ihm treu gepflegten und selbständig weitergebildeten
Ueberlieferung einer kommenden
Generation reicht.
GEDANKEN ÜBER KUNST
Es führt kein anderer Weg zu neuen Resultaten
und zu neuem Sehen, als der der ernstesten Ehrlichkeit
. Wehe dem in späterer Zeit, der sich größer
machen will als er ist, woran fast alle heute kranken
. Nieder auf die Kniee vor der ewigen Natur
und lerne erst dienen, dann kannst du Herr sein.
Otto Greiner
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