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I DIE GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG
etwas anzufangen? Sie ist für ihn völlig wertlos
, weil ihm die Erscheinungssumme, durch die
der Ausruf veranlaßt wurde, nicht anschaulich
gemacht ist. Er sieht eine Erregung, ohne über
deren Grund belehrt zu werden, und ist belustigt
. Für den Künstler selbst können unter
Umständen in der äußersten, knappsten Abstraktion
hohe Arbeitswerte aufgespeichert
liegen. Dem Dritten werden sie tot und stumm
bleiben, weil er mangels Fühlbarmachung des
Ausgangspunktes gerade die Arbeit, die eigentliche
seelische Leistung, nicht zu würdigen
vermag. Er sieht vor sich allenfalls eine Art
kunstgewerblichen Flächenschmuck, deren eigentlicher
entscheidender Wert als Verarbeitungsprodukt
der mit den Stoffen ringenden
Phantasie ihm jedoch verschwiegen bleibt.
Wir haben bekanntlich in der Literatur ähnliche
Erscheinungen gehabt. Man bescherte
uns eine Zeitlang Gedichte, die aus Wellenlinien
, aus dicken Punkten, aus fetten Ausrufezeichen
und einer Zeile völlig banalen Textes
bestanden. Es ist möglich, daß solcherlei
graphische Darstellungen seelischer Emotionen
dem Autor selbst etwas bedeuteten. Der Dritte,
dem der Autor alle Vorbedingungen dieser
Hieroglyphen verschwieg, konnte nur achselzuckend
oder lächelnd an ihnen vorübergehen.
Mit dem Objekt, das heißt mit der Wirklichkeit
und mit dem Darstellungsmittel, ringt
der Künstler immer. Das Produkt dieses
Ringens, das Kunstwerk, hat jedoch nur dann
einen Wert, wenn es zugleich einen Begriff
von der niedergekämpften Stoffmasse gibt.
Höchste Subjektivität hebt sich selbst auf.
Philosophisch ist es ohne weiteres klar, daß
eine Aufhebung alles Objektes auch die Aufhebung
alles Subjektes bedeuten würde. Gleiches
gilt für den Maler. Mit dem Augenblicke,
da er alles Objekt aus der Darstellung ausschaltet
, raubt er selbst seinem Werke auch
jeden subjektiven, jeden seelischen Wert. Die
äußersten Grenzen der Subjektivität überschreitet
der Künstler nur zu eigenem Schaden.
Er zieht sich das Schicksal des Krösos zu:
er zerstört sich selbst.
DIE GROSSE BERLINER
KUNSTAUSSTELLUNG
r\ie Große Berliner Kunstausstellung, die im
*^ Laufe der letzten Jahre von Zeit zu Zeit wenigstens
den Versuch machte, durch Sonderveranstaltungen
das Interesse zu beleben, der hie und da
sogar gelungen war, wenigstens stellenweise das
Niveau des Ausgestellten zu heben, ist nun ganz
wieder in den alten Schlendrian zurückverfallen,
JAKUB OBROWSKY WEISSE FIGUR
Frühjahrausstellung des Wiener Hagenbundes
und es fällt schwer, unter künstlerischen Gesichtspunkten
überhaupt noch von dieser doch wesentlich
wirtschaftlichen Veranstaltung zu reden. Einen
Augenblick hatte man hoffen können, daß gerade
von praktischer Seite ein Anstoß zu energischen Reformen
kommen könne, denn der Pächter des
Restaurationsbetriebes geriet in finanzielle Schwierigkeiten
. Die Kunst des Glaspalastes hatte sich
als schlechter Vorspann für Kaffee und Bier erwiesen
. Aber man verzichtete darauf, die Ausstellungen
zu reformieren, und legte lieber den
Restaurationsbetrieb in eine starke und bewährte
Hand. Nun regiert Aschinger draußen am Lehrter
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