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DER BLAUE REITER
cesare maggi
X. Internationale Kunstausstellung Venedig 1912
men und Farben ja
an die allgemeinsten
menschlichen Gefühlserfahrungen
appellieren
, löst einen
Widerhall aus, dessen
Intensität wunderbar
und fast unbegreiflich
ist. Aber auch abgesehen
von diesen
starken inneren Erlebnissen
, die die neue
Kunst einzelnen zu
gewähren beginnt,
wird dieses Ringen
nach Durchgeistigung,
dieser Kampf um eine
neue Synthese nicht
umsonst gewesen sein;
denn wenn die neue
Kunst auch nicht die
Kunst aller werden
kann, so wird sie doch die Kunst aller umformen
. Mit einer Eindringlichkeit und Selbstverleugnung
sondergleichen wird uns hier in
Erinnerung gerufen, daß die Nachahmung
der Natur, das Abbilden der Wirklichkeit
nicht die Aufgabe der Kunst sind; und nach
den Jahrzehnten des Impressionismus, der
wohl auch die Wirklichkeit nicht abmalen
dorfstrasse
ihr Los; es ist ihr nicht gegeben zur Nurkunst
zu werden.
Aus allen diesen Gründen glaube ich nicht,
daß die neue Kunst in dem Sinn siegreich
werden kann, daß wir — wie einer der Herausgeber
des Blauen Reiters sagt — ihren Ideen
eines Tages auf der Landstraße begegnen
werden. Sie wird nicht die allgemeine Ausdrucksweise
werden, weil sie den
mächtigen Wall Jahrhunderte langer
Tradition nicht so bald niederzureißen
vermag, wenn nicht
eine gewaltige, katastrophale Erschütterung
unserer ganzen Kultur
erfolgt; weil ferner die Kunst nie
zum bloßen Ausdruck werden und
nie von all den anderen geistigen
Aufgaben frei werden kann, mit
denen sie verwachsen ist.
Die Theorien der neuen Kunst
sind papieren wie alle Theorien;
aber man darf die Bewegung nicht
mit ihnen identifizieren, denn die
Kraft, die in ihr schäumt, läßt
sich in die Doktrinen ihres Wortführers
Kandinsky nicht einfangen,
der schon längst Akademieprofessor
sein sollte, so sehr übertrifft
bei ihm die Theorie das
Können. Das Temperament und
i der Instinkt der Künstler durch-
I brechen die Schranken, die ihre
I Reflexionen ihnen ziehen könnten; GIOrgio brosch prinzregentenfe.hr \
Und manches Werk, dessen For- X. Internationale Kunstausstellung Venedig 1912 >
Die Kunst fUr Alle XXVII.
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