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1 DIE MÜNCHENER JAHRESAUSSTELLUNG IM GLASPALAST 1912 {
rangements in gleich vollendeter Weise l
umschließt. So auch Marr, der in einer 0
Versinnbildlichung der „Trauer" eine C
Komposition von schmiegsamer und doch V
pathetischer Rhythmik, sowie intensiver £
Glut der Farbe bringt, und Völkerling, )
der ein etwas glattes, in der Haltung und r,
dem Gesichtsausdruck aber psychologisch Y
vertieftes Bildnis einer jungen Dame auf- j
tischt. Den Schöpfungen Hermann Ur- l
bans wird man wieder ganz besonderes C
Interesse zuwenden, verkünden sie doch v
allein schon nach der technischen Seite jl
hin Resultate, die, wenn nicht alle Zei- ;
chen trügen, für die moderne Malerei )
von größter Tragweite werden dürften. «
In beinahe zwei Jahrzehnte umfassender l
Arbeit, voll künstlerischer Selbstaufopfe- f
rung und rastlosen Experimentierens hat G
Urban mit glänzenden Erfolgen Praktiken C
der Technik wiederzugewinnen sich ge- C
müht, wie sie in ähnlicher Weise den \
Alten geläufig waren und die die Sicher- ;
heit geben, daß auch die Nachwelt einen )
reinen und unverfälschten Eindruck von ^
dem Aussehen eines Kunstwerkes zur J
Zeit seiner Herstellung gewinne. Ich C
glaube, daß beim Betreten der Säle der (
Bayern es selbst dem Laien auffallen y
dürfte, in welch hohem Maße die Urban- £
sehen Bilder alle übrigen an Leuchtkraft i
und Intensität der Farbe übertreffen. /■
Künstlerisch den harmonischsten Eindruck wird )
man wohl von seinem „Römischen Bad" und
auch von der „Sommernacht" gewinnen; bei (
beiden ist es mit in erster Linie die exzellente C
Lösung des Lichtproblems, die Raumpoesie und C
Stimmungsgehalt der Werke zu so schöner Höhe V
führt, wundervoll ist auch das keusche, durch- V
dringende Licht auf dem Bild „Spätsommer". )
R. Schuster-Woldan und sein Bruder Georg r,
haben beide heuer Bildnisse eingesandt, jener l
fällt vor allem mit seinem Portät einer jungen ?
Dame (Abb. S. 569) auf, das malerisch seine (!
Vorzüge hat, dieser faßt sein Doppelbildnis C
sehr mondän; von eigenem Charme ist daran k
der lichte Ton des Ganzen. Ihre gewohnte Po- V
sition nehmen in der Ausstellung der Bayern >
Sieck, Hoch, Blos, E. Liebermann und Bar- )
tels ein. n
Unter den auswärtigen Gruppen, die, wie £
immer, in der westlichen Hälfte des Glaspalastes 0
plaziert sind, führt der Bund Weimarer Kunst- (<
ler heuer die Spitze. Th. Hagen ist mit drei C
Landschaften zur Stelle und verherrlicht in £
gewohnter Weise in zarten, silbrigen Tönen V
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GINO PARIN
MADRIGAL
Glaspalast-Ausstellung München 1912
diesmal das Bildnis eines jungen Mädchens im
Lehnstuhl den Vogel ab, ein Stück, dessen farbiges
Ensemble etwas ungemein Schmackhaftes
an sich hat und das namentlich im Kopf
ein Maximum an Ausdruck erzielt. Zu den
besten Porträts der ganzen Schau gehört dann
auch das Brustbild eines „Linienschiffskapitäns"
von Abecassis, von sehr differenzierter Modellierung
, die aber doch restlos zusammengehalten
und zu spontan überzeugendem Ausdruck
gebracht ist. Gregoritsch übertrifft in
dem „Selbstbildnis" seine beiden übrigen Leistungen
um ein Bedeutendes.
Die Ausstellung der Bayern berührt heuer
vielleicht nicht ganz so einheitlich, wie im
vergangenenjahr; einzelne der Mitglieder überragen
dafür aber mit diesem und jenem Bild
nicht unbeträchtlich ihr gewöhnliches Niveau.
So Geffcken beispielsweise, der in dem umfangreichen
Gruppenbild alter Herren „aus
dem Kreise der Zwanglosen" eine Schilderung
von größter Natürlichkeit erreicht und eine
Lösung gibt, die Porträt- und Milieutreue, Stimmungswahrheit
und Ungezwungenheit des Ar-
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