http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_26_1912/0039
JOSEPH WACKERLE
Ausführung: Kgl. Porzellan-Manufaktur, Berlin
PORZELLAN-FIGUR
JOSEPH WACKERLE
Große Bewegungen, die der Zeit den Stempel
aufdrücken wollen, müssen einseitig sein.
So ist es in allen Perioden der Kunst- und
Kulturgeschichte gewesen; nur die schwachen,
eklektischen Zeiten entscheiden sich nicht energisch
. Sie entnehmen hier dies und dort jenes
und bauen sich aus spärlich gewonnenen Resten
ein künstliches Gebäude,das nur so lange steht, bis
die großen Einseitigen kommen, die rücksichtslos
anstürmen gegen diese papierne Festung.
Unter diesem Zeichen entwickelte sich das
moderne Kunstgewerbe. Es kämpfte mit allen
Mitteln gegen die Verflachung in den dekorativen
Künsten, die dahin geführt hatte, daß
unter einem Wust sinnlos aufgeklebter Ornamentik
das Gefühl für die Reinheit der Form
verloren gegangen war und statt einer ehrlichen
Zweckform, statt eines schönen Materialgefühls,
statt solider, handwerklicher Arbeit und statt
einer natürlichen Schönheit ein wüster Aller-
weltsstil grassierte, der den Vorratskammern
unlebendig vorgetragener Gelehrsamkeit und
einer ungezügelten Geschäftsgier sowie einer
notorischen Kultur- und Geschmacklosigkeit
entstammte. In diesen Blättern braucht nicht
weiter ausgeführt zu werden, welche Wege die
Entwicklung ging, wie zäh dieser Kampf durchgehalten
wurde und schließlich alle eigenschöpferischen
Talente in seinen Bann zog.
Das moderne Kunstgewerbe, das so resolut
vorging und alte Tafeln rücksichtslos zertrümmerte
, hatte aber eigentlich gar nicht gegen
die alten Stile gekämpft, sondern nur gegen
den Mißbrauch der alten Formen in den Händen
derjenigen, deren Unfähigkeit zu eigenem Suchen
und Schaffen sie hinderte, sich selbst in Schöpfungen
von besonderem Charakter auszusprechen
. Es war ein Schlendrian und zugleich eine
Protzerei eingerissen, die jeden feinen Geschmack
verletzen mußten. So blieb den schaffensfreudigen
, suchenden Talenten garnichts
anderes übrig, als kurzerhand reinen Tisch zu
machen. Erst wurde versucht, das Ornament
naturalistisch zu beleben. Dann wurde es ganz
zum Tempel hinausgeworfen und die nackte
Sachlichkeits- und Zweckform hingestellt. Nun
atmete man auf, nun war der Weg frei.
Diese Entwicklung, die endlich zur Gesundung
führte, wird nicht dadurch abgebrochen,
daß ein Künstler wie Wackerle auftritt, dessen
Bedeutung in der feinen Belebung des Ornaments
beruht. Man braucht sich nicht in einen
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