http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_26_1912/0163
I
ENTWURF: MARTIN LEHMANN-STEGLITZ □ GOLDMOSAIKVERGLASUNG FÜR GLEICHE TAGES- UND ABENDWIRKUNG
Ausführung: Gottfried Heinersdorff, Berlin
DER KÜNSTLERBUND FÜR GLASMALEREI
(zu der Ausstellung bei Keller & Reiner, Berlin)
Als es darauf ankam, dem erneuerten Kunstgewerbe
im Bewußtsein der Leute eine
Resonanz zu schaffen, brauchte man die eindeutigen
Schlagworte, einleuchtende ästhetische
Formulierungen, und es fehlten nicht die begabten
und erfindungsreichen Künstler, die
das neue Abc in jeglichem Material vorbuchstabierten
. Gestehen wir, daß dem schönen
Enthusiasmus, der überall nach der formenden
Hand des Künstlers verlangte, eine arge Skepsis
folgte; es sind über dem auch ein paar der
freundwilligen Begriffe vom Schreibtisch gerutscht
, mit denen man sachgemäß jegliche
Gebrauchskunst perkutierte und auskultierte
nach ihrem Lebensrecht und ihrer Lebenskraft.
Nun steht es so, daß wir den Stein der
Weisen zerschlagen haben und uns mit seinen
Scherben begnügen. Wir sind bescheidener
und vorsichtiger geworden, glauben wieder
mehr unseren Augen als den Anweisungen
des Hinterkopfes und gehen dort in die
Schule, wo ein technisch und handwerklich
geschulter Mann eben das zeigt, was er kann.
Mit den ästhetischen Vorschriften bleiben wir
ein wenig im Hintergrund, um die reine Freude
nicht zu stören; dabei empfinden wir hinreichend
deutlich, daß die Schönheit nicht
aus allgemeinen Regeln strömt, sondern in
der Brechung vielfältiger Bedingungen ruht.
Gewiß, in dem farbigen Schein des bunten
Scheibenmosaiks leuchten verwickelte und fesselnde
ästhetische Probleme, und wir werden sie
da und dort etwas aufdecken müssen — aber
das kann nicht unsere Absicht sein, den Genuß
der Berliner Ausstellung für Glasmalerei
in abstrakte Philosophien oder in poetische
Empfindungen sakraler Mystik zu verwandeln.
Geradezuschreitend kommen wir zu dem Werk
und den Verdiensten eines Mannes, dessen
Tüchtigkeit der Hebel dieser ganzen neuen
Möglichkeit wurde: GottfriedHeinersdorff.
Er ist kein Künstler, sondern „Geschäftsmann",
wenn man so will Industrieller, denn ein halb
Hundert Leute arbeiten in seiner Werkstatt. Als
junger Kerl hat er diesen Betrieb übernommen,
nach ein paar Jahren voll Mut und Umsicht
ist dieser das Zentrum eines Könnens und
eines Kunsteifers geworden, die sich jetzt,
fast reif und fertig, dem deutschen Kunstfreund
zeigten. Das ging ganz in der Stille, das
i
!
I
O
Dekoratire Kunst. XV. 3. Dezember 1911.
129
17
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_26_1912/0163