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I
CESAR KLEIN □ MITTELTEIL EINES GROSZEN DIELENFENSTERS
□ AUSF.: GOTTFRIED HEINERSDORFF, BERLIN
Personal mußte durchgebildet werden, die alte
Technik gelernt, die Ergebnisse und die Verwertbarkeit
neuer Verhüttungsexperimente
wurden durchgeprobt, bis die größeren Aufträge
kamen, die eine Entfaltung von Kraft,
Geschmack und Können erlaubten. Eine
Reihe junger Künster hat sich nun kürzlich
zu einer Vereinigung zusammengeschlossen,
um mit ihrem Namen und ihrer Arbeit das gewonnene
Terrain zu behaupten und die gute
Sache gemeinsam vorwärtszutragen; — sie
geben selber gerne zu, was Heinersdorff in dieser
Sache bedeutet. Sein Betrieb ist der Mittelpunkt
, hier wird verständnisvolle und handwerklich
tüchtige Ausführung der Entwürfe
geleistet, Heinersdorff selbst Organisator und
Stratege, der die Kundschafter voranschickt
und — was recht wichtig ist auch den
Train kommandiert. Er hat wohl Sinn für
die ästhetischen Abstraktionen, aber es kommt
ihm mehr auf gute Arbeit an, auf das Bemühen
, die Individualität eines Künstlers,
auch wo sie sich noch etwas spröde erweist,
ganz mit der besonderen Art der Glasmalerei
zu verschmelzen. So ist er nicht nur der
Handwerker, auch nicht bloß der Auftraggeber
, sondern er wird zum Lehrmeister.
Das bedarf keiner Verständigung mehr, daß
Glasmalerei nicht Malerei auf Glas bedeutet;
die Verschiedenfarbigkeit der Glasscheiben ist
das Element des Malerischen. Die geschichtlichen
Färbemittel, Schwarzlot und Silbergelb,
dienen der Zeichnung, der Nuance, den farbigen
Zwischenspielen, der sparsamen Modellierung
— nicht mehr. Auch darüber braucht
es keiner langen Worte: die Staffelei- oder
Wandgemälde leben vom auffallenden Licht,
die Glasmalereien vom durchscheinenden,
und ihre Zweckgebundenheit an die Wandöffnung
von Türe und Fenster erweist
sie als ein Glied der Architektur. Als ein
höchst wichtiges Glied, denn ihre Helligkeit
orientiert den Raum, und der Charakter ihrer
flächigen Aufteilung ist für das Gesamtleben
des Raumes von recht großer Bedeutung.
Das farbige Kirchenfenster ist nach wie
vor unserem Bewußtsein am nächsten. So
hohe und uneingeschränkte Bewunderung wir
den Zeugnissen der gotischen Gesinnung
schenken, auch den Renaissancegemälden etwa
in Ste. Gudule zu Brüssel, von den Kopien
unseres Jahrhunderts wenden wir uns gerne
weg. Das Unheil der späten Nazarener, weich
und matt und so im ganzen nur angefärbter
Karton, hat nirgends so arge Spuren hinterlassen
wie hier, wo es sich festnistete bis
heute. Den Auftraggebern galt das als fromme
Kunst, denn hinter Cornelius und Overbeck
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