Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 26. Band.1912
Seite: 195
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_26_1912/0239
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geht durch die Grenzgebiete zwischen
Gewerbe und Kunstgewerbe, da erden
nationalen Kunstformen ausweicht und reinen
Zweckformen zustrebt. —

Jahrelang hat man Kunstform und Zweckform
für identisch gehalten. Und doch sind
sie, in gewissem Sinne, Gegensätze. Es kommt
darauf an, sie in verständnisvollem Eingehen
auf die jeweils gegebenen besonderen Verhältnisse
zu verschmelzen. Die Kunstform ist
stets das Höhere, sie sucht der Zweckform erhöhte
sinnliche Reize zu geben. Die Zweckform
ist das Resultat gedanklicher Erwägungen
in bezug auf praktische Verwendbarkeit des
Gegenstandes, auf Material, Herstellungsweise,
Verkaufspreis. Die Kunstform wendet sich
an die Sinne, sie denkt an Linien und Farben,
Lichter und Schatten, Tonwerte und Proportionen
.

Nun ist die Kunstform das eigentlich nationale
Element. Der Volkscharakter paßt sie
sich an, macht sie ernst oder heiter, derb oder
zierlich. Je reiner sein Wesen in ihr zum Ausdruck
kommt, um so besser sitzt sie ihm. Die
Kunstform ist es, die durch das Treiben unserer
Unternehmer fortgesetzt verunreinigt wird.

Die Zweckform dagegen ist bis zu einem

gewissen Grade international. Die reinen Zweckformen
, zum Beispiele des Stuhles, Tellers,
Tintenfasses, Aschenbechers, Zündholzständers,
sind bei allen Nationen europäischer Abstammung
die selben. Bei dem Zurückgehen auf
die Zweckform zu Beginn unserer Bewegung
war vielleicht auch ein unbewußtes Streben
wirksam, die internationale Form aus den
nationalen Umhüllungen herauszuschälen. Tatsächlich
haben der amerikanische Schreibtisch,
der Wiener Stuhl und ähnliche Dinge, welche
reine Zweckform darstellen, sich internationale
Geltung verschafft.---

Die reine Zweckform ist bei den Dingen,
von welchen die Rede ist, nur selten, zufällig
das höchste, was sich wünchen läßt; aber sie
trivialisiert zum mindesten nicht das Schöne.
Sie entbehrt oft wesentlicher sinnlicher Reize,
aber sie ist nicht verkommen. Denn ehrlich
und brauchbar ist sie immer.

Hier ist also eine Möglichkeit, exportfähige
Formen zu finden, die unsere nationale Formensprache
nicht verseuchen. Denn diese Zweckformen
reiflich durchzubilden, ist sowieso eine
Notwendigkeit; sie sind ja das Gerippe, über
das die nationale Kunstform Muskeln und Haut
zieht, um schöne Körper daraus zu machen. . . .

ARCH. FRITZ LANDAUER-MÜNCHEN HERRENZIMMER, EICHE MIT SCHWARZEN LEDERBEZÜGEN

Ausführung: Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk A.-G., München

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