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MAX HEIDRICH-PADERBORN □ EMPFANGSZIMMER IN POLIERTEM, DEUTSCHEM NUSZBAUMHOLZ
Ausführung: Werkstätten Bernard Stadler, Paderborn
DIE WERKSTÄTTEN BERNARD STADLER IN PADERBORN
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Angesichts der zunehmenden Differenzierung,
die sich im modernen Kunstgewerbe vor
unseren Augen vollzieht, und die den Erscheinungsformen
des dekorativen Schaffens
einen neuen, abwechslungsvollen Charakter
verleiht, vor dem die meisten, so vorurteilslos
und erkenntnisfroh sie sein mögen, noch ratlos
stehen, bedeutet es eine Sicherung des wertvollen
errungenen Bestandes, wenn tüchtige
zuverlässige Kräfte die Tradition festgelegter
Programme innehalten.
Ohne Zweifel, eine ganze Gruppe unserer
besten, schöpferischen Kräfte löst sich mit
einem Male von dem Gros der Mitschaffenden
los, denen sie einst die Wege zu neuen Zielen
wies. Fast scheint es so, als dementierten
sie diese ihre eigene Entwicklung, die so
fruchtbar auf die deutsche Raumkunst einwirkte
und eine ganze, neue Bewegung weckte, die
neue Scharen zu gleichem, anregendem Schaffen
aufrief und in den umfassenden Ausstellungen,
die wir als Dokumente anzusehen uns gewöhnt
haben, Zeugnis von dem neuen Regen auf
allen Gebieten dekorativen Schaffens ablegte.
Es wäre voreilig, wollte man diese neuen,
andersartigen Versuche als endgültige Abwendung
, als Abschluß nehmen. Solche Bewegungen
vollziehen sich immer als Vorstoß
und Rückschlag. Für den Eingeweihten war
diese Richtungsänderung keine Ueberraschung.
Manche Kräfte, die brach lagen, die sich abseits
von dem allgemeinen Programm betätigten,
treten jetzt hervor und beeinflussen nachhaltig
eine Bewegung, die schon ins Stocken
geraten schien.
Vielleicht befanden wir uns in einemDilemma,
als wir von den „Persönlichkeiten" eineTradition
verlangten, ein Programm, eine Richtschnur.
Von Anfang an — man denke an van de
Velde und an die Nachfolgenden, die Pfadsucher
und Pfadfinder — schien ein Widerspruch
bemerkbar zwischen der Schöpfung,
die Einzelwerk bleiben mußte, und unserer
Sehnsucht nach dem Stil, nach dem Allgemeingültigen
. Theoretisch war die Lösung da, der
neue Stil, die Tradition war geboren.
Es zeigte sich aber dann bald, daß wir das,
was wir ersehnt hatten, eine gute, solide,
bürgerliche Wohnungskunst, von den Führern
nicht unbedingt erwarten konnten. Diese aber
wünschten wir, als zuverlässiges, bleibendes
Fundament. Reizvoll mag die Einzelschöpfung
sein, auch im einzelnen wegweisend und nicht
zu entbehren als Zukunftsmaterial. Sobald es
aber gilt, für die Allgemeinheit etwas Programmatisch
-Gültiges zu schaffen, den nach
wirklichen Lösungen hungrigen Fragern etwas
zu zeigen, das einen gewissen Typus darstellt,
das so gestaltet ist, daß daraus vorbildliche
Regeln abzuleiten sind, müssen wir vom
Dekorative Kunst. XV. 6. März 1912
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