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ELISABETH VON BACZKO-BREMEN
WEISZGESTRICHENE GARTENMÖBEL
Ausführung: F. Winkler, Mittweida
ELISABETH VON BACZKO
Für den die Krisen und Wandlungen des
modernen Kunstgewerbes rückblickend
Überschauenden unterliegt es heute keinem
Zweifel mehr, daß das Heil für die Entwicklung
unseres Mobiliars so wenig in den aus
eigener Phantasie geborenen Schöpfungen wie
in den jedes Schmuckes entbehrenden, auf
die Dauer reizlosen „Kistenmöbeln" zu suchen
ist, sondern im Anschluß an die Stilformen
vergangener Zeiten. Eine ganze Anzahl moderner
Kunstgewerbler sind dieser Überzeugung
gefolgt, indem sie sich namentlich von den
Stilperioden der letzten Jahrhunderte anregen
ließen, mögen diese Stile Barock, Regence,
Chippendale, Louis-Seize, Empire oder gar
Louis-Philipp heißen. Ob hier überall Entwicklungsmöglichkeiten
liegen, wird die Zukunft
lehren müssen. Nicht wenige werden wohl
bei dem fremden Gewand den rechten inneren
Zusammenhang mit den geistigen Tendenzen
unserer Zeit vermissen und hinsichtlich des
Formal-Aesthetischen in manchem gefährliche
Irrwege sehen, deren falsche Ziele überwunden
zu haben, gerade die Moderne sich als besonderes
Verdienst anrechnete. Den richtigen
Wegscheinen uns dieeingeschlagenzuhaben, die
sich in ihrem Schaffen an die Formensprache
der Biedermeierzeit anlehnen. Die praktische
und gefällige Einfachheit der Formen jener
behaglichen bürgerlichen Kultur kann auch
heute noch die Bedürfnisse weiter Kreise befriedigen
. Ein gesundes Fundament ist hier
gegeben, auf dem sich langsam durch Abwandelung
und Anpassung der Formen ein
neuer, traditionsgefestigter Stil unseres Mobiliars
herausbilden kann.
Paul Schultze-Naumburg gebührt das Verdienst
, als einer der Ersten bewußt für die
Architektur wie für die Raumkunst die Notwendigkeit
jenes Zurückgehens auf die Biedermeierzeit
als die letzte Periode künstlerischwertvoller
Kultur, bei der die Entwicklung
abbrach, gepredigt zu haben. Seine Saalecker
Werkstätten und seine Schüler arbeiten in
diesem Sinne.
In diesen Kreis gehört als ehemalige Schülerin
auch die jetzt in Bremen selbständig tätige
Elisabeth von Baczko. Nach mehrjähriger
Zugehörigkeit zu den Saalecker Werkstätten
siedelte sie nach Bremen über, wo die zunächst
gänzlich Unbekannte gar bald ihrer Arbeit
Freunde gewann. Die dort in den handwerklichen
Betrieben noch vorhandene gute Tradition
einer soliden Technik und die Wohlhabenheit
weiter Kreise, die sich seit Jahrhunderten den
Sinn für eine Wohnungskultur offen gehalten
hatten, machten es ihr leichter, hier festen
Fuß zu fassen. Die Einrichtung eines Kinderheimes
, mit der sie betraut wurde, atmet denselben
Geist schlichter Brauchbarkeit wie das
weißgestrichene Kinderschlafzimmer, auf der
Brüsseler Weltausstellung (Abb. vgl. Septemberheft
1910, S. 568/9). Es wurde ebenso wie
das zierliche Damenzimmer (Abb. S. 338) aus
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Dekorarlre Kunst. XV. 7. April 1912
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