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GERTRUD LORENZ-DRESDEN
AUSSTELLUNGS- UND VERKAUFSRAUM
STICKEREIEN VON GERTRUD LORENZ, DRESDEN
Beim Anblick der von dem neuen Formwillen
eroberten Gebiete werden sich wenige der
Quelle erinnern, die den gewaltigen Strom
der Geschmackskultur zuerst gespeist hat, der
Stickereien von Hermann Obrist. Die jungen
Kunstgewerbler, die als Maler, Architekten oder
Bildhauer Schönheit und Zweckmäßigkeit zu
vermählen strebten, haben ihm folgend vor der
ehrwürdigsten Form der Flächendekoration, vor
der Stickerei, selten haltgemacht. Die Technik
der Kurbelarbeit gab die Mittel, auch die schwierigsten
und reichsten ornamentalen Gedanken
in großem Maßstab auf dem Gewebe zu fixieren.
Von den Frauen, die hier mitgewirkt haben,
errang sich Margarete von Brauchitsch
bald den Ruf einer individuellen künstlerischen
Ausdruckskraft. Neben ihren kraftvollen, von
architektonischem Geiste beseelten Stickereien
fällt in denen von Gertrud Lorenz der
feminine Zug unleugbar zuerst auf. Ihr
Ornament ist, von floralen Anregungen hundertfältig
genährt, von einer weichen, schmiegsamen
, oft etwas nervösen Anmut: das Gerundete
, Flüssige, das Asymmetrische bestimmt
die Verteilung der farbigen Flächen, das Verhältnis
von Grund und Dekor. In dem spielenden
Hineinziehen der Spirale spürt man noch
ein wenig die Tradition der Debschitzschule,
von der aus die Künstlerin vor sieben Jahren
nach Dresden gekommen ist. Das Individuelle
liegt aber, noch mehr als im Formalen, in
der Farbe dieser Arbeiten. Hier herrscht ein
warmes Gelb, das gern über das Orange ins
Rot hinübergleitet, ein sanftes Violett, ein
weiches Grün. Einzelne Kissen, in Handstickerei
, Seide auf Seide, entfalten, in der geeigneten
Umgebung, Reize von einschmeichelnder
Zärtlichkeit. In der Ausstattung des mondänen
Apparates, der mit der Zubereitung und
dem Genüsse des Tees aufgeboten wird, spielt
die Phantasie der Künstlerin ihre bleibendsten
Wirkungen aus. Da finden sich Tischdecken
und Serviettchen, Kannen und Tassen von einer
Art leise nüancierter Fondsmalerei, geflochtene
Körbe, mit Holz- und Glasperlen verziert, Korbmöbel
, Kuchenständer und was dergleichen
zerbrechliche und delikate Möbel mehr sind:
alles wie in gedämpftes Licht getaucht, für
weiche Hände und müde Stunden bestimmt.
Es ist keine Kost, die in derben Mengen genossen
werden darf. Aber eine einzelne dieser,
technisch mit größter Sorgfalt und erfinderischer
Liebe durchgebildeten Arbeiten wird in jedem,
von künstlerisch denkenden Menschen belebten
Heim stets dankbare Aufnahme finden, und
auch im Chore kräftigerer formaler Dialekte
mag die leise Melodie ihrer Schmuckgestalt
gern gehört und willig genossen werden, e.h.
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