http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_26_1912/0409
Abenteurer der Baukunst zunutze machen: Er
durchlief nur mehr theoretisch-informatorisch,
was jene praktisch ausgeprobt hatten.
Heimkehr zum Stil! Was heißt das? Sind
denn die alten Stile, der gotische zumal, nicht
auch konstruktiv? Warum setzt man denn den
Konstruktivismus zum Stile in Gegensatz? Hat
nicht Goethe in seiner Schrift „Von deutscher
Baukunst", die er den Manen des Erwin von
Steinbach widmete, gerade von der Klarheit
des gotischen Stils gesprochen (ein Gedanke,
den allerdings kürzlich August Endeil negativ
variierte), hat er nicht von dem gotischen Straßburger
Münster gesagt, es stehe da, gewachsen
„wie Bäume Gottes" ? Gewiß, letzten Endes
sind alle Stile konstruktiv, sogar das Rokoko,
wie jeder Stilempfindsame bestätigen wird, der
sich einmal in die Struktur der Amalienburg
im Nymphenburger Schloßpark vertiefte. Die
alten Stile, bis herab zum Stil von 1830, dem
„Biedermaier", sind konstruktiv und dekorativ
zugleich. Aber in den Nachgestaltungen der
Stilarchitekten, welche, von 1840—1890 etwa,
die offizielle Baukunst fast ausschließlich repräsentierten
, haben sie ihren Konstruktivismus
verloren. Denn dieser entsprach wohl
der Bauforderung ihrer Zeit, aber nicht
unserer Zeit mit ihren geänderten Lebensansprüchen
. Hinter einer (somit nur mehr
dekorativen) gotischen Fassade versteckte sich
in dem traurigen halben Jahrhundert zumeist
ein völlig unorganisches und unkonstruktives
Baugebilde; die Dekoration selbst wuchs nicht
mehr organisch aus der Konstruktion heraus,
sondern wurde zum aufgeklebten Ornament.
Gegen diese Erscheinungen machte die jüngere
Generation Front, und natürlich setzte sie mit
einem Zuviel, mit einem Uebermaß ein. Dieses
Zuviel findet man indessen überall da, wo
eine Kontrasterscheinung mit dem Bestehenden
in begeisterten Kampf tritt. Gerade das
Zuviel verbürgt den Sieg. Und ein Sieg wurde
errungen: der wiedergefundene Konstruktivismus
hat sich heute in allen maßgebenden
Fällen den Sieg erkämpft. Einen so sicheren
Sieg, daß auf den Puritanismus der Konstruktion
heute schon verzichtet werden darf, daß
man heimkehren darf zu jener schönen, im
Sinne der alten Stile gelegenen Verbindung
des konstruktiven und des dekorativen Elements
. ...
Mit diesen Sätzen ist die Genesis jedes
modernen Baukünstlers, der heute im Zenith
seines Schaffens steht, umrissen. Denn diese
wesentliche Erscheinung ist allen gemeinsam.
ARCH.
RICHARD
RIEMER-
SCHMID
HAUS
WIELAND:
GRUND-
RISZ
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