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KIRCHLICHE KUNST
Die Zeiten, in denen die Kirche Kulturträgerin
großen Stiles war und mit der
ethischen Gesittung zugleich Quellen der Freude
an Schönheit und Kunst erschloß, scheinen
vorerst vorüber zu sein. Die mittelalterliche
Kirche, die beides tat, die zum Gartenbau
und zur rationellen Feldbestellung anleitete,
wie sie die Kunstfertigkeit des Handwerks
durch Vermittlung technischer Unterweisungen,
praktischer Vorbilder und reicher Aufträge zu
fördern wußte, steht in Wahrheit da wie eine
Mutter alles höheren Lebens, und wo sie in
der modern gewandelten Welt als die katholische,
die alleinseligmachende verehrt wird, da geschieht
das mit dem dunklen Bewußtsein, daß
sie nicht nur den Himmel erschließt, sondern
auch zu ihrem Teile die Erde erschlossen hat.
Die Wurzeln der Kirche als einer Universalmacht
, der dauernde Anspruch auf Geltung
als solche — das gründet alles mehr oder
minder aufdieunstreitigen weltlichen Verdienste
der ecclesia militans.
Indessen ist seit der großen Kirchenspaltung
im 16.Jahrhundertdie-
se Machtstellung erschüttert
. Die Wissenschaften
zogen aus den
stillen Klostermauern
hinaus in die freie Luft
der Universitäten, die
Künste gruppierten
sich um Akademien
und bemächtigten sich
der Welt, ohne den
überlieferten Gestaltenkreis
der kirchlichen
Glaubensvorstellungen
zur Vermittlung
anzurufen. Die
Kulturaufgaben der
Kirche verringerten
sich, wurden mehr und
mehr zu Angelegenheiten
der religiösen
Erziehung, wurden
Sache des Kultus. Die
zentralen Lebensfragen
der Kultur aber
wurden unabhängig
von den dogmatischen
Voraussetzungen der
geistlichen Gewalten
zu lösen versucht.
PROF. ERNST RIEGEL-DARMSTADT □ BIBEL EINBAND
Weißes Schweinsleder mit vergoldeten Silberbeschlägen, Handvergoldung
und fünf Bergkristallen
An diese Tatsachen mußte kurz erinnert
werden, um das gegenwärtige Verhältnis von
Kirche und Kunst fruchtbar zu erörtern.
Das wahre Lebenselement der Kunst ist
die schöpferische Phantasie, die beständig in
neuen Formen den Weltinhalt vergeistigen
will. Jede religiöse Glaubensgemeinschaft aber
muß trachten, bewährte Formen, Ausdrucksformen
, Symbole ihres geistigen Lebens festzuhalten
, zu konservieren. Es stehen sich
also in Kunst und Kirche zwei Prinzipien
gegenüber, die zwar nicht notwendig feindlich,
aber doch gegensätzlich sind und immer wieder
versöhnt werden müssen, wenn kirchliche
Kunst Zustandekommen soll.
Diese Versöhnung hat stattgefunden, aber
das Ergebnis war für unser engeres Kunstgebiet
, je näher wir der Gegenwart rücken,
umso unerquicklicher: es gipfelt in den Erzeugnissen
der sogenannten christlichen
Kunst.
Im Kirchenbau des 19. Jahrhunderts zeigen
sich die Spuren dieses Kompromisses zwischen
Schaffen und Glauben
zuerst. Für den Ausbau
des Kölner Domes
begeisterte sich in
den vierziger Jahren
ganz Deutschland, romanische
Basilika und
gotische Hallenkirche
erschienen als die einzig
wahren christlich
enGotteshäuser, der
enge Anschluß ans
Mittelalter war zwingendes
romantisches
Gebot. Und vergebens
warnte ungefähr um
dieselbe Zeit Gottfried
Semper beim
Aufbau der niedergebrannten
Hamburger
Nikolaikirche: „Unsere
Kirchen sollen
Kirchen des 19. Jahrhunderts
sein. Man soll
sie in Zukunft nicht
für Werke des 1 S.Jahrhunderts
halten müssen
. Man begeht sonst
ein Plagiat an der
Vergangenheit und
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Dekorative Kunst. XV. 8. Mai 1912.
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