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GROSZSTADT UND VANDALISMUS
Vor meinem Hause herrscht der Vandalis-
mus. Es hilft nichts, ich muß den Ort
denunzieren. Es ist Groß-Lichterfelde, das
sich bisher auf seine wohlgepflegten Gärten
und stillen Straßen etwas zugute tat.
Da gab es vor kurzem noch eine schöne
alte Allee, die sich von Steglitz bis nach Groß-
Lichterfelde hinzog. Im Sommer wiegten die
alten Kronen ihre breiten Häupter, und die
Stämme standen so dicht, daß man vor dem
grünen Gewoge die Straße nicht sah.
Nun ist das alles gewesen. Die Behörde
kam mit dem Lineal und zirkelte und nahm
Maß, und eines Tages erschienen die dunklen
Scharen, zu allem Bösen entschlossen. Die
Straße mußte unbedingt verbreitert werden,
und das ging auf keine andere "Weise, als daß
die alten Bäume fallen mußten. Eine Anfrage
bei einem halbwegs unterrichteten, modernen
Architekten hätte vielleicht sofort die Lage geklärt
und zu einer anderen Lösung geführt,
zumal wir ja mit altem Baumstand in und um
Berlin nicht gesegnet sind. Aber es ist einfacher
so.
Krach, krach, tönte es nun alle Tage in
unsere Ohren, und wir, die wir immer fort
über Großstadtschönheit schreiben, mußten zusehen
, wie die Aexte in die Wurzeln hieben
und die Stricke um die Stämme geschlungen
wurden und unter taktmäßigem Rhythmus die
Bäume krachend zu Boden sanken. Dann fiel
man über das Astwerk her und machte Kleinholz
daraus. Die Stämme wurden weggefahren.
Nach kaum acht Tagen war von der ganzen,
schönen Allee nichts mehr zu sehen. Das ging
alles mit einer wunderbaren Fixigkeit. Eine
öde, platte Straße war im Entstehen, charakterlos
, häßlich; eine Freude für die Hauseigentümer
, die nun ihre Häuser so recht zeigen
konnten, eine Freude für die Restaurateure,
deren blanke Schilder nun doppelte Anziehungskraft
ausübten, und eine Freude überhaupt für
alle Ladenbesitzer, deren Schaufenster nun
erst zur Geltung kamen.
LEBERECHT MIGGE-BLANKENESE
AUS DEM HAUSGARTEN B. IN BERGEDORF
Ausführung: Jakob Ochs, Gartenbau, Hamburg
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Dekorative Kunst. XV. 8. Mai 1912.
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