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KÜNSTLERISCHE GLÜCKWUNSCHKARTEN IN
BUCHDRUCK
Seit alters besteht die schöne Sitte, am Neujahrstage
seinen Freunden und Bekannten
mündlich oder schriftlich seine Glückwünsche
darzubringen. Nach der Erfindung der Druckkunst
wurden die geschriebenen Neujahrswünsche
durch gedruckte abgelöst; als Holztafeldrucke
sind die ältesten mit der Schrift
aus einem Block geschnitten.
Die technische Beschränkung, die in diesem
Verfahren lag, barg doch anderseits auch einen
wertvollen ästhetischen Vorteil für das Druckerzeugnis
. Niemals konnte es vollständig der
Stillosigkeit verfallen; der materialgerechte,
typographische Charakter blieb notgedrungen
immer bewahrt. Die ästhetische Unkultur, die
sich heute noch, trotz aller Erfolge der modernen
Kunstbewegung, auf dem Gebiete der
Neujahrs- und Glückwunschkarten geltend
macht, wie sie Tausende von Gebildeten alljährlich
in den Geschäften kaufen oder anfertigen
lassen, wäre damals unmöglich gewesen.
Die alten Neujahrs-Einblattdrucke zeigten
als ihren Schmuck meistens ein segnendes
Christkind, farbig gemalt. Die Künstler haben
von jeher, seit Albrecht Dürer seinen kleinen
Heiland mit der Weltkugel als Neujahrsblatt
in Kupfer stach, an dem Brauche einer reicheren
Ausschmückung festgehalten, und viele der
Bücherzeichen-Freunde tauschen und sammeln
auch ihre von Künstlerhand ausgeführten Neujahrswünsche
, denen sich andere Glückwunschund
Festkarten, Speise- und Tischkarten, sowie
Familien - Drucksachen u. a. mehr anreihen.
Von diesen Arbeiten vorwiegend graphischer
Kunst soll diesmal nicht weiter gesprochen werden
; es sei nur kurz auf das stimmungsvolle
landschaftliche Blatt Hugo Steiners-Prag und die
geschmackvolle Osterkarte von Hubert Wilm in
München (Abb. S. 418) hingewiesen, die beide
nach Zeichnungen vervielfältigt wurden.
Wir wollen uns vielmehr die Frage vorlegen:
Wie kann heute der Kunstfreund ohne großen
Aufwand eine künstlerisch einwandfreie Glückwunschkarte
erlangen? Zunächst kämen da die
im Handel käuflichen Karten in Betracht. Vor
zehn Jahren etwa hat die Kunstdruckerei Künstlerbund
Karlsruhe mehrere Folgen von Glückwunschkarten
herausgegeben, von denen neben
manchem Veralteten einige von Franz Hein und
E. R. Weiß noch heute gefallen. Das gleiche
gilt von den Karten der Firma H. Hohmann
in Darmstadt, die nach Entwürfen von Haustein
, Bürck, Cissarz, Olbrich u. a. angefertigt
sind. Wo aber findet man sie in den Geschäften?
Die amüsanten, mit humoristischen Tierdarstellungen
gezierten Festkarten der jungen Steglitzer
Werkstatt sind überhaupt längst nicht mehr zu
bekommen. So sind diese verheißungsvollen
Anfänge einer künstlerischen Reform auf diesem
Gebiete in Deutschland leider ohne Nachfolge
geblieben. Nur ein Unternehmen in Oesterreich
stellt unseres Wissens heute gute moderne
Glückwunschkarten her, die Wiener Werkstätte,
auf deren Drucke demnächst zurückzukommen
wir uns vorbehalten, da sich im Rahmen dieser
Publikation von ihrer Mannigfaltigkeit und
Dekorative Kunst XV, 9. Juni 1912
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