http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_26_1912/0643
1
besonderen ist davon nicht ausgeschlossen. Die
Kunstform sowohl wie das Ornament ist nur dazu
da, die Form des Gegenstandes zu verdeutlichen,
eine leichte und einheitliche Anschauung, eine
befriedigende Apperception zu ermöglichen,
kurz „den Sehprozeß zu erleichtern". Einen
Teller verziert man mit gemaltem Ornament,
damit seine aus- und eingebogenen Formen klar
werden; ein Säulenschaft wird kanelliert, damit
seine zylindrische Form dadurch deutlicher hervortritt
. Von einer Belebung der Materie durch
das Ornament oder die Kunstform hören wir
nichts. Nur am Schluß des Cornelius'schen
Buches findet sich eine leise Andeutung darüber.
Es wäre interessant zu hören, wie sich Pa-
zaurek zu dieser in den Kreisen Hildebrands
bekanntlich mit ungeteiltem Beifall aufgenommenen
Theorie stellt. Eine eingehende Kritik
der „Bequemlichkeitstheorie", wieich sienenne,
gibt er nicht. Wahrscheinlich weil es ihm
nicht der Mühe wert scheint. Aus wiederholten
Ablehnungen Cornelius'scher Behauptungen
kann man aber schließen, daß er den „Elementargesetzen
der Kunst" skeptisch gegenübersteht
. Der Hauptfehler der Theorie liegt
seiner Meinung nach darin, daß Cornelius die
Fragen des Materials und der Technik ganz
aus der Normierung ausscheidet und nur diejenige
Formgestaltung als schön anerkennt, die
auf das Auge wirkt, die erforderlichen Ruhepunkte
für die Betrachtung gibt. Er meint,
damit käme man wieder zu der Auffassung
zurück, die sich früher z. B. darin ausgesprochen
habe, daß man ein Wohnhaus von der Fassade
aus nach innen baute, statt umgekehrt vom
Grundriß nach außen (S. 136). Damit ist aber
der Kern der Sache nicht getroffen. Denn
Cornelius könnte mit Recht erwidern, daß
er ja die Notwendigkeit der Zweckerfüllung
nicht leugne, daß aber für ihn die Kunst erst
da anfange, wo eine „Gestaltung für das Auge"
angestrebt sei. Auch fragt es sich vor allen
Dingen, ob Cornelius recht hat, wenn er Schönheitgleich
Bequemlichkeit der Anschauungsetzt.
Das Problem, um das es sich hier handelt,
teilt sich aber in zwei Unterfragen. Erstens:
s MARTHA MEYER-MÜNCHEN □ GELBES LEIN EN KISSEN MIT SCHWARZER STICKEREI; DIVANKISSEN AUS WEISZEM }
I LEINEN, STICKEREI GRÜN MIT SCHWARZEN PUNKTEN; GRAUE CREPE-DECKE MITBUNTER SCHNUR STICKEREI )
566
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_26_1912/0643