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Wer ein kunstgewerbliches
Produkt als Künstler
oder als Kenner, d. h. als
künstlerisch gebildeter,
feinfühliger Mensch sieht,
der sieht tatsächlich auch
das Material als solches,
der freut sich über das
Material, der genießt den
schönen Stoff, dessen Eigenart
oft noch durch besondere
Bearbeitung herausgeholt
und stärker betont
ist. Er sieht auch die
Zweckmäßigkeit; er empfindet
, daß der Gegen-
MARTHA MEYER □ TASCHCHEN A. HELLGRAUEM
MOIREE M. BUNTER STICKEREI
stand dem Zweck, den er
erfüllen soll, entspricht,
daß er zu der Handhabung
, für die er bestimmt
ist, einlädt. Aber er weiß auch, daß alles das ihn Riegl nachgewiesen
noch nicht zum Kunstwerk macht, daß es nur
mit dazu gehört, um eine künstlerische Wirkung
hervorzubringen. Verstöße dagegen machen
den Gegenstand nicht nur zu einem unpraktischen
, sondern auch zu einem unschönen.
Sie machen einen ästhetischen Genuß unmöglich
. Das ist offenbar auch Pazaureks Meinung.
Und nun das zweite: Was muß zu diesen
Eigenschaften noch hinzukommen, um einen
Gebrauchsgegenstand zu
M.MEYER □ TÄSCHCHEN AUS HELLER
SEIDE; STICKEREI SCHWARZ U. WEISZ
einem Kunstwerk zu machen
? Nach Cornelius die
Gestaltung für das Auge.
Nach mir: die organische
Belebung. Ueber
jene schweigt sich Pazau-
rek aus, diese spielt in dem
Abschnitt über Schmuckelemente
(S. 291 ff.) eine
große Rolle. Er sagt dabei
— und das kann man
vielleicht auf Cornelius
beziehen, — es genüge
nicht eine Gliederung
oder Teilung der struk-
tiven oder füllenden Glieder
. Erst wenn dieseGlie-
derungen oder Teilungen
ornamental (besser:
organisch) belebt würden
, könne von künstlerischem
Schmuck die
Rede sein. Daß das Ornament
nicht, wie die
Semperianer glauben, aus
Material und Technik geboren
werde, habe bereits
M.MEYER □ KÄSTCHEN A. BRAUNER ROHSEIDE,
STICKEREI SCHWARZ U. ORANGE MIT PERLEN
Die Schmuckelemente
entsprängen vielmehr aus zwei Quellen, der
Natur und der Geometrie. Der Künstler
greife unbewußt in den unerschöpflichen Born
der Natur, dem seit Urzeiten Schmuckformen
und Motive entlehnt worden seien. Die Natur
, deren Linien sich ja schließlich
auch geometrisch ausdrücken und umschreiben
ließen, hätte in staunenswert abwechslungsreichen
Linien- und Formenspielen
dem Kunstwerk entscheidend
vorgearbeitet. Statt
sie als Vorbild zu nehmen
, schwelgten manche
Künstler in „abstrakten"
oder besser in „Gefühls- ß
linien" oder „Tempera- £
ment Kurven", die eine
„lineare Entladung der
Gefühle" darstellen sollten
. Doch führe das nur
zu bald in die Regionen
nervöser spielender Willkür
, wie sie etwa bei van
de Velde'schen oder Endeirschen
Ornamenten
oder im „Jugendstil" vorliege
. Auf der anderen
Seite führe eine übertriebene
Betonung der geometrischen
Elemente entweder
zur nüchternen,
kunst- und schmucklosen
Konstruktion zurück oder
zu Primitivitäten, die keinen
Anspruch auf Bedeutung
hätten. Das beweise,
daß wirohne Anleihen bei
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