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I FRITZ AUGUST VON KAULBACH
F. A. VON KAULBACH
KINDERBILDNIS
Verteilung von Flecken und Farbwerten, wohlgeordnete
Klänge, ein organisches Ganzes
zu bilden. Mögen Rubens, van Dyck, Tizian,
Veronese und Giorgione hier großen Einfluß
ausgeübt haben, Studien auf landschaftlichem
und figuralem Gebiete jedoch waren als selbständige
Ergänzungen notwendig. So manch
feines Blatt, das vor der Natur entstanden,
zeugt hier von dem tiefen Eindringen in das
Wesen der äußeren Erscheinungswelt. Die
Landschaft mit dem still hinfließenden Wasser,
den zarten Birken und tiefdunklen Baumgruppen
des Hintergrundes, ferner ein ähnliches Werk
mit weiter Ebene oder das großzügige Motiv
mit dem schwer lastenden Wolkenhimmel, lösen
in dem aufmerksamen Beschauer Stimmungen
sinniger, träumerischer Melancholie aus. In
solch weltabgeschiedene Einsamkeit pflegt der
Meister gern seine Gestalten zu versetzen,
in eine Welt, in der das profane Geräusch
des Alltags keine schrillen Laute hineinzutragen
vermag und nur leise, zarte Naturlaute
oder verhallende Klänge ferner Weisen die
Natur beleben. Solche Feierlichkeit steigert
der Meister gelegentlich in Einzeldarstellungen,
indem er, auf alles Beiwerk verzichtend, nur
in dem Rhythmus der Bewegung wie in dem
Bilde der Ruth S. Denis oder in der sinnenden
Frauengestalt mit der Schale, Weihe und
Hoheit verkörpert, wie sie in ähnlicher, jedoch
ganz anderer Art, nur die Antike noch gekannt
hat. — Gerade durch dieses Schaffen in und
mit der Natur legte Kaulbach die Grundbedingungen
zu einer Künstlerpersönlichkeit, die
ihn scharf von jeder anderen trennt. Seine
Werke kennt man aus Hunderten sofort heraus,
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