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NEUE KUNSTLITERATUR
f.a.von kaulbachvsssteyrische bäuerin
künstlerischen Jugend unserer Generation viel Unheil
anrichten werde. Und da haben wir schon ein
Schulbeispiel, wie ein hochbegabter junger Künstler
durch diese Beeinflussung von seiner geraden Bahn
abgedrängt wird. — Auf Seite 13 dieses Buches ist
ein weiblicher Akt abgebildet, der 1909 entstanden
ist: eine ungewöhnlich selbständige und tüchtige,
formstrenge Arbeit eines Künstlers, der auf den
besten Wegen ist. Im Gegensatz dazu finden sich,
um von vielem nur einiges herauszuheben, auf
Seite 4 und Seite 41 die Porträts von Heinrich Mann
und Franz Blei, auf Seite 28 ein „Simson", auf
Seite 19 eine „Kreuzabnahme", die sich in unerquicklichstem
Grecotum gefallen. Schade, daß Oppenheimer
diesen Umweg macht in seiner Entwicklung,
daß er den schönen, geraden Weg, auf dem eine so
feine Arbeit wie der weibliche Akt (1909) lag, verläßt
. Er wird sich indessen, hoffe ich, wieder zurechtfinden
, wenn ihm nicht allzu freigebig gespendete
Anerkennung die Sinne verwirrt. g.j.w.
Scheffler, Karl. Die Nationalgalerie zu Berlin
. Ein kritischer Führer. Mit 200 Abbildungen.
20 M. Berlin 1912, Bruno Cassirer.
„Dieser kritische Führer will und kann nur ein
gebildeter Freund sein, nicht ein selbstgefälliger
Mentor." So charakterisiert der bekannte Kunstschriftsteller
und Essayist selbst sein Buch treffend.
Die ersten Kapitel über Entstehung der Sammlung
und Geschichte des Gebäudes zeigen die Vertrautheit
des Verfassers mit der Geschichte der Nationalgalerie
, die bis zu den neuesten für die deutsche
Kunstwelt höchst bedeutsamen Ereignissen
verfolgt wird, — mit erfreulicher Sachlichkeit und
in durchaus modernem Geiste. Die Schilderung
der Tätigkeit Tschudis halte ich für eine der
besten Zusammenfassungen • der Gesamtleistung,
zugleich für eine gehaltene und kraftvolle Charakteristik
des Mannes, der die Galerie zu einem
Kunstmuseum im höchsten Sinne gestaltete. Die
Hinweise auf die Erfolge seines Nachfolgers zeigen
Entwickelungslinien auf, denen man mit Freude
folgt. Die Bilder werden nach Gruppen besprochen,
die sich um die großen Künstlernamen bilden, der
Hauptwert wird aber dabei nicht auf die räumliche
Anordnung, sondern vielmehr auf den historischen
Zusammenhang gelegt, wie Tschudis größte Leistung,
die Jahrhundertausstellung, ihn zuerst in hellem
Lichte erscheinen ließ. Nicht apodiktisch, sondern
mit sicherem Gefühl, ohne Ueberschwang, mit Begründung
und lebendigem Kunstgefühl wird dem
Leser das Werden und der innere Gehalt der Kunstwerke
näher gebracht. Der Verfasser wendet sich
nicht sowohl an den Historiker, als vielmehr an
den kultivierten Kunstfreund, und seine lebensvolle
stilistische Gestaltung läßt ihn sein Ziel mit vollem
Gelingen erreichen. g.
/
f. a. von kaulbach
zeichnung
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