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OTTO GUSSMANN
EINZUG IN
JERUSALEM
Die diesjährige Dresdner Kunstausstellung
erhält ihre Bedeutung, abgesehen von dem
wieder vorbildlichen künstlerisch-vornehmen
Äußern, durch die Sonderausstellung monumental
-dekorativer Kunst, für die eine Anzahl großer
und kleiner Räume in entsprechender Art besonders
vorgerichtet wurden. Die große Bedeutung
dieser Veranstaltung wird allgemein anerkannt,
und ihre Anregungen werden nicht ohne Folgen
bleiben. Das Besondere der Anordnung ist, daß
die Gemälde ohne Rahmen unmittelbar in die
Wand eingelassen sind (Abb. S. 48); der Vergleich
mit Tafelgemälden fällt hierdurch weg
und die künstlerischen Absichten werden erreicht
, indem die Voraussetzungen gegeben
sind, für die der Künstler schafft. Bilder, die
man vorher im Rahmen gesehen hat, wirken
hier ganz anders, bedeutsam und groß, sie
wirken so wie sie gedacht sind.
Die Verbindung der beiden Wörter monumental
und dekorativ deutet ganz richtig darauf
hin, daß der Unterschied zwischen beiden Begriffen
fließend ist und daß sie nur in ihren
äußersten Ausgestaltungen scharfe Gegensätze
sind. Keine Gegensätze sind monumental und
ornamental. Eine ornamentale Schöpfung kann
ebensowohl monumental sein wie ein Figurenbild
, unvereinbar erscheint dagegen das Monumentale
mit dem Zierlichen, dem Kleinlichen,
dem Graziösen und dem Spielerischen. Monumental
ist dem Ursprung des Wortes entsprechend
, was zu einem Monument, das ist einem
Denkmal, einem Bauwerk gehört, was selbst
ein Denkmal ist, oder was stilistisch denkmalmäßig
ausgeführt ist. Stein und Erz sind die
ursprünglichen Stoffe für monumentale Darstellungen
, die für die Dauer auf Jahrhunderte
berechnet sind. Aus dem Stoff und dem Zweck
ergab sich von selbst der große Stil der Monumentalmalerei
: die Beschränkung auf das
Wesentliche, die Unterdrückung der gleichgültigen
Nebendinge, der Zufälligkeiten jeder
Art, die Vereinfachung der Formen und der
Farben, auch wohl des Bildraumes. Aus alledem
ergibt sich die Größe der Anschauung, die
Ruhe und Geschlossenheit des monumentalen
Bildes. Es ist klar, daß die Kunst in ihren Anfängen
, die altertümliche Kunst, uns zumeist
auch mehr oder minder monumental erscheinen
wird : die Hilfsmittel der Kunst, das Sehen und
das Können des Künstlers waren noch so beschränkt
, daß alle die genannten Vereinfachungen
selbstverständlich waren, das Großschauen
ist das gegebene Wesen der primitiven
Kunst. Indem sich aber das künstlerische
Können immer mehr steigert, indem sich Zeichnen
, Farbenkunst, Perspektive, Durchbildung
der Einzelheiten immer mehr entwickelten,
Die Kunst für Alle XXVIII. 2. 15. Oktober 1912
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