http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0085
II
4
RUDOLF VON ALT
■
ALSERVORSTADT
K. K. Staatsgalerie, Wien
DIE ÖSTERREICHISCHE STAATSGALERIE
Von Hans Tietze
Die Moderne Galerie in Wien, diese sonderbare
Bilderschau, die so schlecht in den
allzureichen Rahmen des unteren Belvederes
hineinpaßt, verdankte ihre Entstehung der
Verlegenheit des Staates, geschenkte oder gekaufte
Bilder des 19. Jahrhunderts unterzubringen
; ihre Erhaltung und Verwaltung war
eine lästige Repräsentationspflicht, die verdrossen
geübt wurde. Seit einigen Monaten
führt die Sammlung, in deren Ausbau sich die
komplizierte Kunstpolitik einer vielköpfigen
Kommission besser wiederspiegelte als irgend
ein planvoller Wille, den Titel „Oesterreichische
Staatsgalerie"; er ist ein Symptom, daß sich
der Staat endlich seiner Pflichten gegen dieses
Aschenbrödel unter den Sammlungen besinnt
und daß er Versäumtes nachzuholen beabsichtigt
. Diese Wandlung ist das Verdienst des
Direktors, der die Galerie seit zwei Jahren
leitet.FRiEDRiCH Dörnhöffer ist ein Gelehrter
ohne Dünkel und ein Kunstfreund ohne Einseitigkeit
und — was in seiner Stellung unendlich
mehr bedeutet — ein ganzer Mann;
seine ruhige Sicherheit, der lärmende Ostentation
und schleichendes Intriguenwesen gleich
fernstehen, hat in die chaotischen Zustände,
die er übernahm, Ordnung gebracht und seit
er in diesem Frühling seine Neuerwerbungen
ausgestellt hat, haben alle Freunde der Kunst
die beruhigende Gewißheit gewonnen, daß
endlich positive Arbeit geleistet wird und daß
die Staatsgalerie nun weiß, was sie will und soll.
Natürlich sind vorderhand erst Fragmente
eines großzügigen Planes verwirklicht und der
Gegensatz zwischen Partien, die fast völlig
ausgebaut sind und solchen, deren Ausgestaltung
noch in den ersten Anfängen steckt,
gibt dem jetzigen Zustand der Sammlung etwas
Ungleichmäßiges, Provisorisches, Flutendes,
in dem glücklicherweise das Zentrum bereits
Die Kunst für Alle XXVIII. 3. 1. November 1912
49
7
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0085