Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 52
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i DIE ÖSTERREICHISCHE STAATSGALERIE I

derselbe dekorative Naturalismus geht durch
alle Kunst, die Wien im 19. Jahrhundert hervorgebracht
hat. Die beiden Komponenten bleiben
nicht immer gleich stark; bald weht der warme
Erdgeruch stärker hervor und bald siegt die
Freude am Reiz der Linie und an der
schmückenden Fülle, aber ganz lösen sich jene
beiden Seiten des künstlerischen Wiener
Wesens nicht voneinander, deren wohliger
Zusammenklang sehnsuchtsvollem und atemlosem
Ringen nach den tiefsten Tiefen und
der stärksten Kraft der Kunst hindernd im
Wege steht. Jene Doppelgabe, die so leicht
zur Beschränkung wird, fehlt weder bei
Pettenkofen, dessen Vertretung in der

RUDOLF VON ALT DER STEFANSTURM IN WIEN

K. K. Staatsgalerie, Wien

Galerie (Abb. S. 53) vorderhand mehr Verheißung
als Erfüllung ist, noch bei Rudolf
von Alt (Abb. S. 49 u. 52), dem liebenswürdigsten
unter den Naturalisten, unter dessen
Zauberhänden der trockenste Bericht zum
Liede wird; sie gibt den Alt-Wiener Porträts
ihren Charme, versucht selbst die steife Pracht
des Repräsentationsbildes zu lindern und hat
namentlich in der Landschaft eine charakteristische
Tradition geschaffen, in die die
Einflüsse der großen europäischen Hauptentwicklung
in eigentümlicher Weise hineinverarbeitet
werden.

Der originellste Vertreter dieser Wiener
Landschaft ist A. Romako, dessen wundervoll
tiefes und sattgrünes Gasteinertal (Abb. S. 58)
dieselbe Trockenheit und Klarheit der Behandlung
zeigt, wie die Jugendbilder Schuchs,
der dann in einer internationalen Schulung alles
lokal Beschränkende abgestreift hat und zu
dem guten Europäer in der Kunst geworden
ist, den sein letzter und bekanntester, auch
in der Wiener Galerie ausgezeichnet vertretener
Stil verrät (Abb. S. 55). Zwischen diesen
beiden Extremen stehen, wienerisch und
doch vom Hauch der allgemeinen Entwicklung
berührt, Schindler und Hörmann (Abb.
S. 56), Ribarz (Abb. S. 56) und Jettel (Abb.
S. 57), letzterer unter dem Einfluß der französischen
Impressionisten am weitesten vom
gemeinsamen Ursprung entfernt.

Diesem dekorativen Naturalismus bleibt die
Kraft zur höchsten Intensität fast immer versagt
; aber er enthält auch noch positive Gefahren
, hohlen Pomp auf der einen, selbstgefällige
Süßlichkeit auf der anderen Seite. Die
Kunstbewegung, deren architektonischer Ausdruck
der Ringstraßenstil ist, hat auch einen
großen Maler hervorgebracht, Hans Makart,
der strotzende Lebensfülle zu dekorativem
Prunk sondergleichen zu meistern vermochte
(Abb. S. 59), seine Nachfolger haben daraus
ein Haschen nach schlimmen Effekten, eine
brutal naturalistische Dekorationsmalerei gemacht
, die den künstlerischen Bedürfnissen unserer
Zeit unendlich fern steht. Und neben
dieser Dekoration, die vom konventionellen
Naturalismus nicht lassen kann, steht als Hauptnote
der offiziellen Malerei von heute der
Naturalismus, der tausend Kompromisse macht
und in seinem Streben nach Liebenswürdigkeit
in einer hoffnungslosen Süßlichkeit dahinwelkt.
Dieser melancholische Ausklang der Alt-
Wiener Tradition vollzieht sich am deutlichsten
in F. Rumpler (Abbild. S. 60 und 64), der in
den siebziger Jahren mit kühner frischer Kraft

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