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AUFGABEN DER KUNSTGESCHICHTE
Das darf nicht vergessen werden. Forscherarbeit
im kleinen ist doch nur die Grundlage
für die große zusammenschweißende Arbeit,
die universale Geister zu verrichten berufen
sind. Sie gibt nur die kleinen Ecksteine, auf
denen der schöpferische Architekt sein Gebäude
errichten kann. Spezialistentum und Handwerkerarbeit
sehen sich merkwürdig ähnlich.
Was nützte auch dem fähigsten Baukünstler
der ursprünglichste und genialste Gedanke,
wenn es ihm nicht möglich wäre, ihm auf
Grund des Schaffens tausend fleißiger, exakt
geschulter Hände Gestalt und Dasein zu geben?
Nicht anders auf dem weiten Felde unserer
Wissenschaft.
Der Geschichtsschreibung nun im besonderen
hat sich im neunzehnten Jahrhundert eine
mächtige Helfershelferin zugesellt, deren Bedeutung
bis dato selbst von den Berufensten
F. RUMPLER
BILDNIS
K. K. Staatsgalerie, Wien
noch immer nicht genügend erkannt wird, die
Kunstgeschichte. Als Ranke seine leider unvollendet
gebliebene Weltgeschichte schrieb, wußte
man von einer Kunsthistorie so gut wie gar
nichts. Sie ist ja noch so jung, kaum vierzig
Jahre alt, nicht einmal so alt wie die Archäologie,
die der jüngeren Schwester mit Winckelmann
und der wiedererwachten Freude am antiken
Leben vorausgeeilt ist, und doch hat sie in
wenigen Jahrzehnten einen Boden bereitet,
dessen Ausdehnung und Unbegrenztheit genau
dem der eigentlichen Historie im Sinne Rankes
durchaus ähnlich ist. Schon jetzt ist es selbst
für den Mann von Fach außerordentlich schwer,
sich auf diesem Boden so zu Hause zu wissen,
daß er mit Berechtigung sagen kann, er kenne
jede Handbreit Scholle, die dazu gehört. Denn
auch die Kunstgeschichte umspannt den weiten
Zeitraum der Jahrhunderte zurück bis in die
entlegensten Zeiten der früheren Menschheit,
die dieses oder jenes bildnerische Zeugnis
hinterlassen. Man braucht nur den oberflächlichsten
kunstgeschichtlichen Leitfaden aufzuschlagen
, wie er heute gottlob bei unseren
höheren Schulen eingeführt ist, zum mindesten
setzt er bei den alten Aegyptern ein, erzählt
von den Pyramiden, den hohen Tempelbauten,
den pharaonischen Götter- und Königsbildern,
geht weiter zu den Assyrern und Babyloniern,
bis er auf Hellas schönheitsgetränktem Boden
festen Fuß fassen kann. Und schlägt man
garWoermanns neueste „Geschichte der Kunst"
auf, so wundert man sich vielleicht, daß im
ersten Kapitel von der Kunst der Tiere die
Rede ist, die überleitet zur Kunst der Renntier
- und Mammutzeit, der sogenannten paläoli-
thischen Epoche, von dort zur jüngeren Steinzeit
und der bronzezeitlichen Kunst weitereilt,
um in einem besonderen Abschnitt über Urkunst
auszulaufen. Auch die Anthropologie hat sich
der Kunstgeschichte bemächtigt, ja, sie fußt
in diesen ältesten Zeiten ja fast einzig auf ihr,
wie man nicht unschwer erkennen kann. Was
uns heute die Indonesier an künstlerischen
Zeugnissen offenbaren, vermittelt uns vergleichsweise
einen tiefen Einblick in die künstlerische
Kultur jener vorgeschichtlichen Zeiten, für die
es schriftliche Dokumente noch nicht gibt.
Wie wertvoll aber gerade die Kunst für die
Erkenntnis jener frühen Zeit ist, weiß allein
der Paläontologe zu schätzen.
Heute mag es beinahe paradox klingen, daß
noch eine allgemeine Menschheitsgeschichte
geschrieben werden kann, in der nicht der
Kunstgeschichte mit die erste und vornehmste
Stelle angewiesen wird. Denn nie und nirgends
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