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AUFGABEN DER KUNSTGESCHICHTE
GUSTAV KLIiMT
Mit Genehmigung der Kunsthandlung H. O. Miethke, Wien
BAUERNHAUS
hat sich der Geist einer Zeit fester kristallisiert,
als in jenen Werken, die aus der tiefsten
Sehnsucht eines Volkes heraus geboren worden
sind. Mag man immer aus den Pergamenten
vergangener Jahrhunderte den Schlüssel und
die Erklärung für die Taten und das Wirken
der einzelnen suchen, heute wissen wir, daß
nicht der einzelne die Geschichte gemacht
hat, sondern das Volk in seiner Gesamtheit,
so sehr es auch in gewissen Zeiten scheinen
möchte, daß Wunsch und Willen der Völker
in der Tat eines einzelnen Individuums aufgegangen
seien. Wir können ein Beispiel aus
der jüngsten Geschichte unseres Vaterlandes
anführen, das uns allen gegenwärtig vor Augen
steht, die Taten unseres ehernen Kanzlers
Bismarck. Stand hinter ihm nicht die Sehnsucht,
das Hoffen eines ganzen Volkes, dessen willensstarker
Interpret er wurde? Der Historiker
der alten Schule hat sich viel zu sehr allein
an die Dokumente geklammert, die dem politischen
Werden der Zeitgeschichte und damit
den Taten der Führer, d. h. in den meisten
Fällen der Fürsten gelten. Unsere ganze mittelalterliche
Geschichte z. B.,wie sie auf der Schulbank
doziert wird, ist Fürstengeschichte. Vom
Volke berichtet nichts, und doch war gerade
das Volk zu jeder Zeit Stütze und Trägerin
jener Edlen, die im ureigentlichen Sinne die
ganze Weltgeschichte gemacht und bestimmt
haben. Dieses Volk hat keine parlamentarischen
Akte hinterlassen, aber es hat seine Sehnsucht,
seinen Zeitgeist besessen, die nirgends besser
ihre Erklärung finden als in den Werken, die
vom heiligen Sinn der Künstler erschaffen
worden sind. Noch ist eine umfassende Geschichte
des deutschen Volkes nicht geschrieben
worden. Diese Aufgabe bleibt einem universal
weitschauenden Geiste vorbehalten, der im
tiefsten Kern seines Wesens Kulturhistoriker
ist. Die Geschichte Italiens dagegen hat früh
eine Beleuchtung in diesem Sinne erfahren.
Burkhardt, Gregorovius, L. Pastor, um nur
einige zu nennen, sind solche Historiographen
gewesen, deren Werke man nicht mit Unrecht
als die Werke eines neuen Jahrhunderts bezeichnen
kann, in dem der reinen Kunstgeschichte
zum ersten Male die Aufgabe zuteil wurde,
Interpretin und Erklärerin der allgemeinen
Menschheitsgeschichte zu sein. Nach dieser
Seite hin liegt meines Erachtens die Zukunft
unserer gesamten neuen Historiographie, so
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