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AUFGABEN DER KUNSTGESCHICHTE S
sehr sich der zünftige Historiker auch noch
dagegen sträuben mag. Das 20. Jahrhundert
wird ein Jahrhundert der Kulturgeschichte
werden wie das neunzehnte, vom Geiste Rankes
durchtränkt, ein Jahrhundert staatlich-politischer
Geschichtsschreibung gewesen ist. Und in
dieser neuen Historiographie ist der Kunstgeschichte
eine führende Rolle zugewiesen.
Ohne ihren Geist wirklich tief und voll ausgeschöpft
zu haben, wird es nie gelingen, den
allgemeinen Geist der Zeiten so plastisch vor
unsere Augen zu zaubern, wie es wünschenswert
und notwendig ist. Was wüßten wir von
Hellas ohne Phidias, Praxiteles, die Akropolis
und Olympia? Was könnte uns die Geschichte
der Völkerwanderung wohl berichten, ohne die
Wunder Ravennas, ohne jene kostbaren Mosaiken
von S. Vitale, in denen sich die starre
Orthodoxie des frühen Christentums noch befangen
vom letzten Zauber hellenischer Weltanschauung
ein unvergängliches Denkmal gesetzt
? Wo kann man deutlicher die Spuren
verfolgen, die der germanische Geist z. B. im i
Norden Italiens, in Verona und anderen Orten, I
hinterlassen hat, als in den Werken der Kunst- 1
geschichte, und was könnte uns das Zeitalter 1
des Staufers Friedrich II. berichten, stände
nicht Palermo und die Capella Palatina, in
der der Geist des unglücklichen Romantikers
heute noch umgeht? Was wüßte man vom
Orient des Mittelalters, ohne Venedigs zu gedenken
, das dem Osten sein Haupt zuwendet,
das auf italienischem Boden wie ein neuerstandenes
Byzanz anmutet, und dessen goldstarrende
Mosaiken ein Sinnbild von der Strenge
seiner staatlich-politischen Form vermitteln,
jenes Venedigs, dem der Taumel orientalischer
Schönheit so sehr zum Verhängnis ward, daß
es an diesem eigentlich zu Tode verblutet ist.
Und daneben im Tal des Arno das junge,
unverdorbene Florenz, die Stadt des nie verlöschenden
Bürgersinns, wo Plebejer selbst zu
Fürsten werden, Fürsten, die eine neue Kultur
über die Welt ausbreiten, deren Zauber uns
auch heute noch wie höhere Offenbarungen
anmuten. Ja, was wüßte
man von der Geschichte all dieser
italienischen Gemeinwesen, wenn
sie nicht in Hunderten von Bildwerken
ihren Geist hinterlassen
hätten? Das ist wirklich wunderbar
. Die Geschichtsschreibung
hat wohl Geschehnisse und Charaktere
aufgezeichnet, aber das !
Volk hat sich in Klöstern, Kirchen ,
und an öffentlichen Plätzen seine |
Denkmäler errichtet, die deut- j
licher als alle Dokumente zu re- |
den verstehen. Wer z. B. einmal I
tief hinabgetaucht in den Geist 1
des alten Florenz, sich nicht nur 1
an den historischen Dokumenten
der Bibliotheken ergötzt, sondern ,
daneben auch ein offnes Auge für j
den Schatz der künstlerischen |
Denkmäler gehabt hat, wird un- I
willkürlich den tiefen Gleichklang |
empfinden zwischen dem eigent- ^
liehen geschichtlichen Leben und
den Erzeugnissen des erhabenen
Volksgeistes, die in der Kunst bis
in unsere Tage fortwirken. Man <
denke an Versailles. Man hat die J
Geschichte des Zeitalters Ludwigs
XIV. geschrieben, ohne nur (
mit einem Worte jenes wunder- (
bare Denkmal absolutistischer <
k. k. staatsgaierie, Wien Fürstengewalt zu erwähnen, in I
HONORE DAUMIER
SANCHO PANSA
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