Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 68
(PDF, 174 MB)
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FRANZÖSISCHE KUNST IM FRANKFURTER KUNSTVEREIN

Anschauungen über Wesen und Wert der modernen
französischen Kunst ungeklärt waren. Im
Grunde genommen ist dies nicht zu verwundern,
denn in den französischen öffentlichen Sammlungen
ist das Material, das diese Kenntnis vermitteln könnte,
noch nicht so geordnet und von Ungleichartigem
geschieden, zum Teil auch nicht in solcher Vollständigkeit
vorhanden, daß sich dem Besucher ohne
weiteres eine Vorstellung von der vorbildlich großen
Tradition der französischen Kunst ergäbe. Die
Privatsammlungen aber und die Stocks der Kunsthändler
, die solches Material wohl liefern könnten,
sind nicht immer leicht zugänglich. Daher erschien
es dem Schreiber dieser Zeilen als eine sehr nötige
Aufgabe, um weiteren Kreisen überhaupt die Möglichkeit
einer Erörterung dieser die Zeit bewegenden
Frage zu geben, einmal eine Ausstellung zusammenzubringen
, die eine lebendige Anschauung
von dem zu geben vermöchte, was die moderne
Kunst den Franzosen dankt, was sie von ihnen
lernen kann oder gelernt hat. Mit der Unterstützung
eines kleinen Komitees von Frankfurter Kunstfreunden
ist mir dies, wie ich glaube, gelungen, und die
Ausstellung, die in diesem Sommer in den Räumen
des Frankfurter Kunstvereins ihre Stätte gefunden
hat, durfte aus dem Bestände des Pariser und Ber-

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jan stursa

K. K. Staatsgalerie, Wien

liner Kunsthandels und aus den Schätzen der großen
Frankfurter, Berliner, Budapester, Wiener und Pariser
Sammler das Wertvollste und Bedeutungsvollste
entnehmen, um ein Bild von der großen,
einheitlichen Tradition der französischen Malerei
von Ingres und Delacroix bis auf Cezanne und van
Gogh zu geben. Der französische Staat selbst hat
das Unternehmen unterstützt, indem er in dankenswerter
Weise aus dem Besitze der Luxembourg-
Galerie ein Reihe von Werken zur Verfügung
stellte, die namentlich die Entwicklung der französischen
Porträtkunst illustrieren.

Was sich aus dieser alle Tendenzen der französischen
Kunst gleichmäßig umfassenden Ausstellung
sogleich ergibt, ist die innere Einheit dieser
Malerei, die, als Hüterin alter Tradition, einem
neuen, wesentlich modernen Lebensgefühl den
Stil gefunden — einem Lebensgefühl, das auch den
Menschen nicht als Reservat der Natur faßt, sondern
als Teil des Kosmos, in seinem Ambiente,
in Luft und Licht: malerisch. Der Impressionismus
zeigt sich, so gesehen, nur als ein Teil dieser
Kunst, als ihre letzte Konsequenz vielleicht — seine
Tendenz ist aber die Tendenz der großen französischen
Malerei überhaupt: Leben zu schaffen, gelebtes
Leben, nicht erdachtes, nicht Ideen und Abstraktionen.

In diesem Sinne hat die Ausstellung
Gericault mit sechs Werken
an ihre Spitze gestellt, weil in ihm
zum erstenmal diese Sehnsucht erwacht
ist, weil er in diesem Sinne der
französischen Kunst ihren Weg gewiesen
. Er hat das Lebendigste, das
Lebenskräftigste gebildet, die Ur-
natur des Negers, den stolzen Kopf
des Pferdes, sein gewaltiges Selbstporträt
, die ungehemmte Leidenschaft
der „Verrückten" (Werke der Sammlungen
Ackermann - Paris , Goldschmidt
-Rothschild-Frankfurt und
Eisler-Wien), in allen diesen Bildern
ein gesteigertes Leben und in allen
die Erscheinung in ihrer Einheit mit
allem Erscheinenden, in ihrer Atmosphäre
. Dann der große Fortsetzer
des Frühgeschiedenen, Delacroix,
sehr gut vertreten mit dem herrlichen
Werk der Sammlung Gerstenberg-
Berlin, „Laras Tod", und wiederum
das gleiche, tiefe Lebensgefühl, das
aus dem übernommenen Stoff keine
Illustration werden läßt, sondern ein
Stück erlebtes Leben, in einer Farbensprache
von wundersamer, berauschender
Pracht. In Daumier erreicht
dieses Lebensgefühl, diese
Macht, Leben zu bilden, eine höchste
Potenz. Sein „Drama", das wohl einmal
der Münchener Pinakothek gehören
wird, zeigt die Menge vor der
Bühne, als eine einzige, von gewaltiger
Leidenschaft bewegte Masse, die
in die Handlung vor ihr hineingezogen
ist mit der Gewalt, mit der die
Wasserwoge in den Strudel hineingerissen
wird, und sein Aquarell „Publikum
" zeigt jenen grandiosen Haß, der
das Leben zu gigantischer Verzerrung
steigert. Daran schließen sich die
Meister des zweiten Kaiserreichs,

nach dem bade

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