Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 70
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VON AUSSTELLUNGEN

Fantin-Latour, der große Meister des Stillebens,
Monticelli, der in juwelenhaftem Farbenprunk
seine romantischen Parkbilder dichtet, Guys, der
feine Schilderer mondänen Lebens.

Die andere Tendenz französischer Kunst geht
vom Leben der Natur, vom Naturgefühl aus. Die
Schule von Barbizon, auf der Ausstellung mit hervorragenden
Werken vertreten, bezeichnet die erste
Etappe dieser Entwicklung. Corot hat diese tiefe
Einheit alles Naturseins empfunden, diesen zarten
Duft, in dem alle Dinge leben und atmen, und er
hat es vermocht, in seinen „Straußbindenden Kindern
" namentlich den Menschen als Naturwesen in
diese Natur hineinzustellen. Dramatischer, bewegter
folgt ihm Daubigny in zwei Hauptwerken, der
„Abendlandschaft" (Sammlung H. Lehmann-Frankfurt
) und dem „Schäfer im Mondlicht". Immer mehr
und mehr verfeinert sich die Fähigkeit, die Natur
weich, malerisch, in ihrem atmosphärischen Leben
wiederzugeben, und in seinem „Blick auf Antwerpen"
kommt Boudin, der Lehrer Monets, schon nah an
den Impressionismus heran.

Dann kommt die entscheidende Wendung durch
Co urb et, den die Ausstellung mit vier Hauptwerken
(„Woge", Sammlung Dr. Blank-Hofheim, „Akt",
SammlungKöhler-Berlin,„DieRinger"und„Schweine-
hirtin") und einer Anzahl bedeutender kleinererWerke,
namentlich den „Trauben" der Sammlung Duret-
Paris, in seiner umfassenden Größe darzustellen vermag
. Seine ungeheure Vitalität bildet diese gewaltigen
Landschaften, die verhaltener Leidenschaft voll
sind, bildet diese gewaltigen Menschen, in denen
ein volles, starkes Leben pulsiert. Und nun gibt
Manet, an alter Malkultur sich schulend, dem modernen
Lebensgefühl die neue, eigene Sprache. Das
(bisher völlig unbekannte) Porträt seiner Frau, das
zum schönsten Besitz der Sammlung Gerstenberg
gehört, ist ganz Leben, ganz Lebendigkeit, dabei in
dem üppigen Pflanzengerank des Hintergrundes von
einer wundervollen, blühenden und glühenden Farbigkeit
. Daneben treten die Pfirsiche der Sammlung
Ullmann-Frankfurt in ihrer noch nie von der Kunst
erreichten Naturnähe, tritt der „Bar aux Folies-ber-
gere", sein berühmtes Spätwerk in der großen
Einheit mannigfaltigenLebens. In dem vierten Werke
der Ausstellung aber, in dem Porträt der Rositta
Mauri, verzichtet Manet auf alle Farbe, formt er mit
einem Minimum von Mitteln, einem bißchen Braun,
einem bißchen Grau und dieses Porträt wirkt in
seiner vollkommenen Schlichtheit, seiner absoluten
Zurückhaltung wie eine große Offenbarung und
durch diese Schöpfung letzter, verfeinertster Kunst
hindurch glaubt man die Seele eines großen Menschen
zu sehen.

Um Manet gruppiert sich der Kreis der großen
Impressionisten, die mit den edelsten Resultaten
ihrer Kunst in dieser Ausstellung vertreten sind.
Monets Schaffen beginnt mit der frühen „Marine"
im Kreise Courbets, nähert sich in der „Mühle"
der Klassizität der großen Holländer, läßt sich in
der „Frau im Garten" der Sammlung J. Stern-
Berlin und dem „Blumenbeet" der Sammlung Baron
Herzog-Budapest von der sanften Lieblichkeit idyllischer
Natur zu zarten Farbgedichten begeistern, um
schließlich in den grandiosen „Booten am Strand"
eine leidenschaftliche Ausdruckskraft des Pinselzugs
zu erreichen, über die hinaus nur noch van
Gogh dringen konnte. Renoirs „Kinder am Piano"
zeigen die ganze weiche, sinnlich-zärtliche Natur,
die ganze, aus banalsten Farben merkwürdigste

Akkorde hervorzaubernde Kunst dieses Meisters und
wundervoll lebenskräftige, farbenkräftige Stilleben,
feinste Figurenbilder, darunter die von edelster Ritterlichkeit
erfüllte „Promenade" der Sammlung Köhler,
schließen sich an. Sisley und Pissarro schildern
die Natur in ihrer schönsten Schönheit, in ihrem
feinsten Dufte. Dann Degas. Er ist mit seinem
Hauptwerke vertreten, der „Place de la Concorde"
der Sammlung Gerstenberg. Dieses Werk gehört zum
Vollendetsten, was neuere Kunst geschaffen. Es hat
eine geradezu geheimnisvolle Vollendung, man vermag
nicht zu sagen, was eigentlich schön daran ist,
was so wundersam ergreift. Es ist geheimnisvoll,
unreduzierbar für den Verstand, wie das Leben
selbst. Eine Anzahl Degasscher Pastelle in ihrem
Farbenschmelz, schimmernd wie Schmetterlingsflügel
, umgibt dieses Bild.

Seurat und Cross, Vuillard, Bonnard und
Roussel, dann Toulouse-Lautrec und Gauguin
schließen sich an, das Ausleben des Impressionismus
nach verschiedenen Richtungen hin verkörpernd
.

Der letzte in dieser Kette großer französischer
Tradition ist CfizANNE. Ein frühes Bild „Akte" zeigt,
wie er aus einer Romantik der Farbe im Daumier-
schen Sinne hervorgegangen ist. Dann kommen
zwei Landschaften, in denen der paysage intime der
Fontainebleauer, der Impressionisten überwunden,
in denen eine neue, eine heroische Landschaft geschaffen
ist. Und in den zwei Frauengestalten der
Ausstellung ist etwas gebildet, das die Ewigkeit
griechischer Karyatiden ahnen läßt. Das Letzte,
Höchste aber hat Cezanne im Werk seines Alters
gegeben, in der „Frau mit dem Rosenkranz". Daraus
spricht eine Tiefe, eine Einfachheit, die nur
dem Genie möglich ist; hier sind letzte Geheimnisse
des Seins uns enthüllt, nicht anders als bei
dem späten, dem greisen Rembrandt.

Die tragische Wendung in der französischen Kunst
vollzieht sich, wie van Gogh in ihren Kreis tritt,
der Germane in diese germanisch-romanische Welt.
Diese Kunst des stärksten Ausdrucks, in dem Wunderwerke
des Städelschen Institutes, dem Dr. Gachet,
ergreifend dargestellt, zerbricht die Form, die alte
Kultur gebildet. Das Schicksal der französischen
Kunst ist entschieden. Van Gogh vollendet sie, so
wie Michelangelo die Renaissance vollendet — indem
er sie vernichtet.

VON AUSSTELLUNGEN

"DERLIN. Langsam, zögernd, später als sonst be-
ginnt die Wintersaison der Berliner Kunstausstellungen
. Die Secession schließt ihre Tore, noch
ehe es an anderen Stellen recht lebendig geworden
ist. Man wird kaum Grund haben, mit den Erfolgen
des Sommers zufrieden gewesen zu sein.
Die Ausstellung war keine von denen, die nach
Befriedigung der ersten Neugierde dauernd das
Publikum zu fesseln und heranzuziehen geeignet
gewesen. Man sollte sich besinnen und planmäßig
für das kommende Jahr sorgen, schon jetzt
vorbauen, um das nächste Mal besser gerüstet zu
sein. Inzwischen sollten die kleinen Ausstellungen
des Winters das Material zeigen, das zur Verfügung
ist. Aber noch bleibt es still. Im Kunstsalon
Cassirer wird umgebaut, ein großer Oberlichtsaal
soll entstehen, und hoffentlich bringt der Winter
auch die großen Werke, die ihn füllen. Auch bei

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