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ANTON HANAK
ANTON HANAK
ABSCHIED
umwitterter Gestalten, die die hohen kahlen
Räume seines Ateliers im Prater wie mit einem
fabelhaften Geschlecht von „Königen der Erde"
bevölkerten. Unter ihnen die grandiose Konzeption
dieses „Giganten" (Abb.geg. S.73), torkelnd
und taumelnd in wüster, nutzloser Kraft,
ein verzweifelndes Antlitz gen Himmel erhebend
— ein ergreifendes Sinnbild unserer
bei allem mechanischen Kräfteaufwand sinnlos
draufloswirtschaftenden Zeit, der die ewigen
Werte des Lebens rettungslos entgleiten; ein
erschütterndes Symbol der Trostlosigkeit, die
uns beim abendlichen Gang durch die Fabrik-
und Proletarier-Vorstadtgürtel unserer
Großstädte ans Herz greift.
Wüste, sinnlose Kraft — aber wieviel
Schönheit steckt in dem prachtvollen,
plastischen Profil dieses strotzenden Körpers
, in dem wunderbaren „Studium"
dieser Muskulatur, das von trockener,
anatomischer Nüchternheit wie von barok-
ker Überladenheit gleichweit entfernt ist.
Wieder fühlt man sich an eine der schönsten
Antiken erinnert, an jenen schon
von Winckelmann bewunderten Herkulestorso
, der jetzt als Polyphem erkannt ist.
Nicht bloß die unvernutzte Ausdruckskraft
der Geste, der Reiz der eigenhändigen
Bearbeitung des Materials (worin
Hanak noch viel weiter geht als sein ehemaliger
Lehrer Hellmer), sondern vor allem
das unerschöpflich Organische in den Gestaltungen
Hanaks ist es, was sie in die
Sphäre der Antiken emporhebt. Wie selten
aber ist das Gefühl für dieses Organische
geworden, wie es sich in diesen
naturhaften Gebilden ausspricht, die aus
dem innersten Gefühl für das Körperlich
-Notwendige und aus einem Sinn für
das Plastische geboren sind, wie ihn seit
Raphael Donner kein österreichischer
Künstler besessen hat.
Darum erweckt der stilvolle Realismus
seiner männlichen Bildnisköpfe die Erinnerung
an hellenistische und spätrömische
Porträts und bei der entzückenden
Brunnenfigur eines nackten Kindes (Abb.
S. 77), das in echt kindlicher Gebärde
jubelnd die Händchen erhebt und unbewußt
über die dumpfen Mächte und rasenden
Leidenschaften des Alltags triumphiert,
die durch Masken, stärksten Ausdruckes,
am Sockel symbolisiert sind — bei dieser
heitersten Erfindung unseres Künstlers
(ist es nicht, als ob ein Lächeln über das
ernsteste Antlitz glitte?) stellt sich wieder
die Vorstellung des „Knaben mit der Gans"
und all jener anderen spätgriechischen Kindergestaltungen
ein, die einer ähnlichen Unterwerfung
der lebendigsten Natur unter die ungeschriebenen
, ehernen Gesetze der Plastik entstammen
. Und so ist etwas in dem säulenhaft
geschlossenen Frauenkörper, auf dessen Haupt
die schwere Hand der „Macht" ruht (Fragment
der Portalgruppe des Oesterreichischen Ausstellungspavillons
, Abb. J. 1911/12, S. 79), was
die Vision der holden Karyatiden auf der
Akropolis unabweislich heraufruft.
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