http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0122
ANTON HANAK
DAS MÄDCHEN
DIE ERSCHLIESSUNG DER KUNST
Von Wilhelm Michel
Ich bekenne zuvörderst offen, daß ich von
den kunsterzieherischen Bestrebungen der
Gegenwart nicht viel halte, wenigstens soweit
ihr wirklicher pädagogischer Effekt in Frage
kommt.
Kunsterziehung muß entweder gründlich
sein, dann nimmt sie dem zu Belehrenden zu
viel Zeit fort; oder oberflächlich, dann bleibt
sie wirkungslos.
Ich sage nichts gegen die Gesinnung, die
im kunsterzieherischen Bemühen unserer Tage
sich ausdrückt. Ich sage nichts dagegen, daß
man die Kunst bei allen Gelegenheiten heranzieht
, wo sie dem Manne des Volkes einen
konkreten Genuß, eine erhöhte Stunde verschaffen
kann. Aber über den erzieherischen
Wert dieser Bestrebungen, über den dauernden
Gewinn an Geschmacksbildung, den sie
erzeugen, soll man sich nicht täuschen. Eine
Galerieführung und verschiedene kunsterzieherische
Wanderausstellungen im Jahre ändern am
Durchschnitt des Kunstverständnisses so gut
wie nichts. Sie bringen den zu Belehrenden wohl
dazu, auf Treu und Glauben hinzunehmen, daß
Schwind, Richter, Spitzweg gute Meister sind.
Aber sie können unmöglich die echte, innere
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