http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0151
AUS BRIEFEN VON KARL STAUFFER-BERN
daß du wollest meinen, das besser von dir
selbst zu wissen", d. h. mach daß du was
Tüchtiges lernst, — „Denn wahrhaftig steckt
die Kunst in der Natur und wer sie heraus
kann reißen, das hat sie".
„Nichts interessiert mich mehr, als die Antike
, die Sachen sprechen zu mir, wie noch
nie etwas, und wenn ich sage, daß ich förmlich
schwelge, so ist es nicht übertrieben.
Wundern tut es mich, daß so viele Leute von
großem Talent wie Thorwaldsen und Konsorten
in der Antike einfach den Kanon sahen und
nachzuahmen suchten. Der Wert liegt nicht
in der besonderen Form, nicht in eigentümlichen
Längen-und Breitenverhältnissen,Maßen,
graden Nasen und was der Sachen mehr sind,
die diese Leute glücklich zur toten Formel
herunterschraubten. Nein, sondern in dem
famosen Erfassen der jeweiligen Figur als Organismus
, als lebendiges abgerundetes Ganze.
Ob der Mensch acht oder fünf Kopflängen
hat, ist nach meiner Ansicht so Wurst als
etwas, sobald der Künstler durch den Ernst
und die Logik, mit der er seine Figur bildet,
in mir eine Stimmung hervorbringen kann und
mich überzeugt. Der Geist, aus dem die antiken
Kunstwerke hervorgegangen, ist das
Lebendige, die stimmungsvolle Beobachtung
der Natur, die immer auf das Wesentliche
ausgeht, nicht die Maaße und Proportionen.
Und da muß die Sache angepackt werden. Nicht
Imitation, sondern gemäß des verschiedenen
Zeitalters verschiedene Arbeit, aber in gleich
künstlerischem Sinn. Wie schade, daß Goethe
in Italien nicht in bessere Hände geraten, der
wäre wohl im Stande gewesen, die Sache ganz
zu erschöpfen und endgiltig festzustellen, auch
für Plastik speziell. Beinahe hat er es getan
— wenigstens im allgemeinen."
*
„Es ist wohl im „Vermächtnis" auch ein
klein bischen von der Pose, woran einzelne
Figuren auf Feuerbachs besten Bildern leiden —
z. B. die drei schönen Römerinnen auf der
Pietä in München (bei Schack), welche vielmehr
an ihre süßen Mäulchen denken als an
den Schmerz einer Mutter, der man den Sohn
zu Schanden gepeitscht und ans Kreuz genagelt
. Wenn ich von Feuerbach dies sage,
so brauche ich wohl nicht zu erinnern, daß
ich ihn für einen der großen Künstler des
Jahrhunderts halte und meine Bemerkungen
unter dieser Voraussetzung zu verstehen sind.
Seine Werke aber haben eine gewisse bewußte
Classicität und zwar oft auf Kosten
wahrer, unmittelbarer Empfindung, so daß die
Figuren nicht immer präcis und kräftig das
ausdrücken, was sie sollen, beinahe wie wenn
sie sich vor dem zuschauenden Publikum genierten
, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen
aus Angst, sich zu prostituieren. Male, bild-
haure, baue etc. immer so wie Du denkst
resp. empfindest, denn nur Deine Empfindung
, welche Du in das tote Material hineinlegst
, macht das Kunstwerk aus, welches
eigentlich nur das Medium ist, um Dein Empfinden
Anderen zu vermitteln. Also was nicht
drin ist, kommt nicht heraus, es wachsen keine
Feigen an den Dornen. Die Persönlichkeit
allein spricht im Kunstwerk — je nach ihrer
Qualität bildet sich die große Scala von Erzeugnissen
, vom kindischen, dilettantischen
Versuch an gerechnet bis zum Werk des Genius
. Auf diese Erklärung paßt wohl alles,
was „Kunstwerk" gescholten wird, und folgt
daraus etwa dies: Bilde Dich, Deine Empfindung
, Gesinnung so, daß es sich lohnt, sie
Anderen mitzuteilen, und mache Dich zum
Herrn des Apparats, dessen Du bedarfst, um
das Werk nicht nur zu träumen, sondern zu
schaffen, so daß Andere verstehen können,
was du meinst resp. im Stande sind Dir nachzuempfinden
."
1
I
I
Die Kunst für Alle XXVIII.
105
14
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0151