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I RUDOLF JETTMAR (
R. JETTMAR
tage der österreichischen Kunst zur Zierde
gereichen, und zwar auch dann, wenn man
deren Zahl auf weniger, als Finger an einer
Hand sind, einschränkt. Radierungen sind es
übrigens auch, die zwölf Blätter der Folge „Die
Stunden der Nacht", für die der Künstler im
Jahre 1905 den Reichel-Preis erhalten hat,
der einer der größten Preise ist, die an österreichische
Künstler zur Verteilung gelangen.
Leider hat er in den letzten Jahren die Radierung
etwas vernachlässigt. Die Technik
seiner Radierungen ist ungemein solid. Alles,
was ein Druck zeigt, ist auf der Platte vorhanden
. Die reine Linienradierung etwa nach
der Art eines Legros pflegt er wohl auch, im
allgemeinen aber ist sie ihm zu mager, er
liebt saftige, kontrastreiche Tonwirkungen, tiefe
samtene Schatten und helle Lichter und all
die zahllosen Uebergänge dazwischen. Die
geätzte und die mit der Schneidenadel (häufig
ungewöhnlich kräftig) gezogene Linie sind auf
seinen Radierungen nahezu von gleich großer
Bedeutung, für Tonflächen wendet er gerne
die Aquatinta an, die er meisterhaft zu behandeln
weiß. Auf sie mag Jettmar hauptsächlich
durch die Radierungen Klingers hingewiesen
worden sein, verdankt er im übrigen
auch seine gediegene Technik William Unger.
Als höchstes Vorbild aber hat ihm beim Radieren
wohl stets Rembrandt vorgeschwebt.
Jettmar hat aber nicht nur radiert, sondern
auch schöne Lithographien und Algraphien
DRACHENKAMPF. ÖLBILD (1903)
und Holzschnitte geschaffen und hat sich auch
mit feinem Gefühl für die dekorative Wirkung
und das richtige Verhältnis von Bild und Schrift
als Illustrator betätigt.
Kein Meister fällt vom Himmel, und je origineller
und selbständiger eine künstlerische
Individualität auftritt, desto verlockender ist
es für den Forscher, ihren Wurzeln nachzuspüren
. Zwei von Jettmars Lehrern an der
Wiener Akademie, Griepenkerl und Eisen-
menger, waren Schüler Karl Rahls. Durch
sie mag dessen machtvolle Persönlichkeit auch
auf Jettmar Einfluß genommen haben, was die
Gegenstände und was die Formen anbelangt.
Rahl suchte David und Delacroix zu vereinen,
war Klassizist und Romantiker, Michelangelo
und Rubens haben auf ihn gewirkt. Zu diesen
beiden Großen fühlt sich natürlich auch Jettmar
hingezogen. Rubens lernte er in Wien und in
Dresden kennen, Michelangelo ward er nicht
müde, in der Sistina zu studieren. In Venedig
hat er sich besonders für die reifen und die
späten Meister, für Tizian, Tintoretto und Tiepolo
interessiert. Unter den neueren Malern
haben ihn wohl Feuerbach und Böcklin am
meisten angeregt. Feuerbach aber trat er (das
ist bezeichnend für Wiens Verhältnis zu diesem
nachgeborenen Hellenen, heutzutage ebenso
wie zu dessen Lebzeiten) erst in Karlsruhe
näher, an der Wiener Akademie, an der Feuerbach
doch als Lehrer gewirkt, an der und für
die er sein letztes großes Gemälde geschaffen
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