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I KULTURGESCHICHTLICHE GRUNDLAGEN DER DEUTSCHEN MALEREI
wenden, wurde auch in Deutschland aufgenommen
. Winckelmann gab ihm 1745 in seiner
Arbeit „Gedanken über die Nachahmung
griechischer Werke in der Malerei und Bildhauerkunst
" die wissenschaftliche Grundlage.
In den Werken der Antike fand man gegenüber
der immer „eleganter" und phrasenhafter
gewordenen Malerei des 18. Jahrhunderts die
sehnsuchtsvoll erstrebte „edle Einfalt und
Einfachheit". Die griechischen Meisterwerke
sollten die Vorbilder abgeben, obwohl sie
einer Weltanschauung entsprungen waren, die
von der des damaligen Mitteleuropas sehr verschieden
war. Man glaubte aber diesen Weg
betreten zu dürfen, da ästhetische Gesichtspunkte
überall maßgebend waren, die ästhetische
Kultur, wie sie die Griechen gehabt
hatten, als erstrebbar erschien. Hogarth brach
1754 hinsichtlich der Formfrage insofern eine
Bresche, als er die alte Frage nach der rechten
Schönheitslinie eingehend erörterte und behauptete
, die Griechen
hätten zwar
eine, allen zu empfehlende
, genaue
Kenntnis des Gebrauchs
der rechten
Schlangenlinie besessen
, aber auch
mancher Meister
der späteren Zeit.
Die folgenreiche
Wirkung dieser Ansicht
mußte, wie
Volbehr in seiner
Schrift „Das Verlangen
nach einer
neuen deutschen
Kunst" hervorhebt,
die Frage sein: Warum
sollen wir denn
nicht auch solche
späteren Meister in
das Repertoire unserer
Nachahmungen
aufnehmen?
Damit gelangte man
im Grunde schon
zu den Künstlern
des christlichen Europas
, insbesondere
zu denen der
Renaissance. Chr.
v. Hagedorn sprach
dies im Jahre 1762
auch ganz offen aus.
R. JETTM AR
Er verlangte in seinen „Betrachtungen über
die Malerei", daß Tizian und Correggio, Raphael
und Rubens nicht vernachlässigt werden
sollten, ja er wies bedeutsam auf die
Natur hin, indem er sie als die einzige Lehrerin
in der Farbengebung hervorhob. A. R.
Mengs sucht in seinen theoretischen Schriften
, die an sich konträren Lehren Winckel-
manns und Hagedorns zu verbinden. Einen
Schritt weiter ging Geßner, insofern als er in
seinen Briefen über die Kunst der Landschaftsmalerei
sehr lebhaft das Wort redete. Er
schrieb: „Wie sehr fand ich's leichter, wenn
ich jetzt wieder nach der Natur studierte. Ich
wußte jetzt, was das Eigentümliche der Kunst
ist, wußte in der Natur unendlich mehr zu beobachten
, als vorher und wußte mit mehr
Leichtigkeit eine ausdrückende Manier zu finden
, da wo die Kunst nicht hinreicht." Er
riet aber von der unmittelbaren Befolgung des
Naturvorbildes ab, da hier nicht überall die
„wahre Größe" zu
finden sei.
Deshalb empfahl
er als Lehrmeister
die guten alten Meister
, besonders
Nicol. Poussin und
Claude Lorrain. Er
traute sich also bezeichnenderweise
trotz seiner frohen
Naturfreude nicht
dieFähigkeitzu, aus
der weiten Gotteswelt
allein seine
Werke zu nehmen.
Man war zu sehr
gewohnt, geführt zu
werden. Die Akademien
, deren es
damals in Deutschland
eine große
Menge gab, unterstützten
diese Neigung
, sich an Vorbilder
anzulehnen;
trotzdem überall,
dies sei betont, Akt
gezeichnet wurde.
Immerhin gab ein
Meister, ein Preuße
, Untertan eines
selbstsicheren
fürstlichen Mannes
, Friedrichs des
DIE ZEIT. RADIERUNG (1908)
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