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I KULTURGESCHICHTLICHE GRUNDLAGEN DER DEUTSCHEN MALEREI
R. JETTMAR
AKTSTUDIEN ZU DEM GEMÄLDE: DIE HESPERIDEN. Z E I C H N U N G (1910)
Großen, ein Beispiel, daß und wie man der
einfachen Natur von sich aus Herr werden
könne. Es war Chodowiecki. Sein bestes Werk,
„Die Reise nach Danzig", kam im Jahre 1773
in einer Folge von Radierungen heraus. Er
schrieb selbst: „Die Natur ist meine einzige
Lehrerin, meine Führerin, meine Wohltäterin."
So war wenigstens in bescheidenen kleinen
Schwarz - Weißblättern die Allehrerin Natur
wieder in die Gefilde deutscher Kunst zurückgekehrt
.
Zu jenen ästhetisch-kunstgeschichtlichen Anregungen
traten Behauptungen, wie sie A. G.
Baumgarten (1748/50) aufgestellt hatte: daß
die Kunst der sinnliche Ausdruck der inneren
Empfindung sein müsse, gesellten sich Aussprüche
, wie sie Haman gab, der lehrte, daß
die Empfängnis neuer Ideen und Entwürfe,
daß die Arbeit und Ruhe der Weisen im
Schöße der Leidenschaften vergraben liege.
Der junge Goethe prägte als klarstes Wort:
„Was der Künstler nicht geliebt hat, nicht liebt,
soll er nicht schildern, kann er nicht schildern
." Damit war aus der Aufklärungszeit heraus
dem Subjektivismus der künstlerischen Persönlichkeit
wieder breitere Bahn gebrochen. Be-
gnadeteKünstler strebten die Konsequenzen an.
Alle echte Kunst ist, sei wiederholt, Wiedergabe
der Leben gebenden und belebenden
Kräfte im Volkskörper. Die theoretischen, die
bildende Kunst betreffenden Erörterungen, von
denen soeben die Rede war, sind deshalb auch
nur ein Ergebnis der allgemeinen Anschauungen
, Stimmungen und Tatsachen.
Das spätere 18. Jahrhundert war ein Zeitalter
des Lebensgenusses, aber auch reicher
geistiger Produktion. Es war die Zeit der
Aufklärung, in der der Verstand alle Fragen
unseres Daseins zu lösen unternommen hatte.
Die literarische Begabung diesseits wie jenseits
der Vogesen warf vor allem einen reichen
, glanzvollen wenngleich im Grunde
kalten Schimmer über den Alltag der maßgebenden
Klassen. Wichtig wurde für die
Folgezeit vornehmlich der Zug des Subjektivismus
und des Individualismus im Empfindungsleben
. In Deutschland erhielt der tief
religiöse Charakter des 17. Jahrhunderts, und
dessen trotz der nicht seltenen Entgleisungen
des Geschmackes prachtvoll-großartige Lieder-
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