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i KULTURGESCHICHTLICHE GRUNDLAGEN DER DEUTSCHEN MALEREI >
R. JETTMAR
HERKULES ERSCHLÄGT DIE LERNÄ ISCHE HYDRA. ÖLBILD(1911)
dichtung zu Gottes Ehre und Preis einen wundersam
herrlichen Abschluß in Klopstocks
„Messias" (seit 1748), der allerdings gleichzeitig
wie ein Vorbote der etwas mystischen
Frömmigkeit der späten Jahrzehnte dieses
Säkulums erscheint. Aber Klopstock dichtete
auch als einer der ersten deutsche Heldengedichte
. Das Bewußtsein, den Deutschen ein
Deutscher zu sein, erwachte leise in ihm, dem
Dichter. Friedrichs des Großen Siege über die
Franzosen, die seit dem Länderraub Ludwigs
XIV. als die Erbfeinde betrachtet wurden,
kräftigten das Deutschtum in den gar zu vielen
deutschen Vaterländern. Allerdings war
der für das schließende 18. Jahrhundert so
kennzeichnende Kosmopolitismus zunächst dadurch
nicht sehr berührt. Fichte konnte noch
1805 in den „Grundzügen des gegenwärtigen
Zeitalters" fragen: „welches ist denn das Vaterland
des wahrhaft ausgebildeten Europäers?"
Erst die Befreiungskriege brachten das Bewußtsein
, ein Deutscher zu sein, bestimmter
zur Herrschaft.
Friedrich der Große hatte in seinem Fürstenspiegel
(1744) geschrieben, daß der Fürst der
erste Diener des Staates sein müsse und keine
näheren Verwandten habe als seinen Staat, er
müsse jedoch auch Kopf und Herz des Staates
sein, d. h. Friedrich vertrat den sogenannten
aufgeklärten Absolutismus. Alles für das Volk,
aber nichts durch das Volk! Ihm stellte sich
vor anderen der „gekrönte Menschenfreund"
Joseph II. an die Seite. Beide mächtige Fürsten
wollten die Wohlfahrt ihrer Völker. Josephs
Maßnahmen, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit
politisch zu einigen, waren im Grunde
geeigneter als die Friedrichs; denn Joseph II.
wollte als deutscher Kaiser, allerdings von den
seiner Epoche entsprechenden absolutistischen
Gesichtspunkten aus, Deutschland zusammenschließen
. Was er zu erreichen erstrebte, liegt
zu einem Teile klar vor unseren Augen, ist
zum anderen aus seinem Auftreten in seinen
Stammlanden zu entnehmen. Er suchte Herr
im deutschen Reiche zu werden, über die Gewalt
der vielen kleinen und größeren Fürsten
die des Kaisers zu setzen. Joseph wollte auch
die Selbständigkeit der römischen Kirchenmacht
in Deutschland brechen, fand aber nicht
die Unterstützung der geistlichen Kurfürsten,
die nötig war, um eine von Rom administrativ
freie deutsche Kirche begründen zu können
. Er wollte die Kurie auf die Herrschaft
über Dogma und Seele beschränken, im übrigen
aber den Klerus der Regierungsgewalt
unterordnen. Joseph führte Volksschulen und
Schulzwang ein, der theoretisch seit langem
in vielen protestantischen Ländern bestand;
denn die Jugend sollte lernen, um ihrem Vaterland
Dienste leisten zu können, während Friedrich
der Große das Schulwesen stark vernachlässigte
. Beide große Fürsten wurden von einer
in Anbetracht der Fülle an deutschen Fürsten
geringen Anzahl von Mitarbeitern unterstützt.
Was diese Fürsten indirekt oder in besonders
gearteter Weise für die Erweckung eines
deutschen Sinnes taten, boten auf breiter
wissenschaftlicher Basis begeisterte opferbereite
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