Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 142
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1 DAS BISMARCKDENKMAL AM RHEIN

1

DAS BISMARCKDENKMAL AM RHEIN*)

F\as tragische Schauspiel des Bismarckdenkmal-
Wettbewerbes ist beendet. So stürmisch es im
vorletzten Akte noch zugegangen, der Schluß war
versöhnend. Am 18. Oktober wurden zu Mainz die
endgültigen Entwürfe von Wilhelm Kreis und Hugo
Lederer vom Kunstausschuß wie vom Gesamtausschuß
„einstimmig" genehmigt.

Zwecklos ist es, in diesem Augenblicke auf alle
Phasen des Wettbewerbkampfes einzugehen, zwecklos
, den alten Streit aufzurühren.

War das offene, unbedeckte, einseitig orientierte,
aber poetisch empfundene Denkmal von Hahn-
Bestelmeyer wirklich das allein Mögliche, Richtige?
War der erste Entwurf von Kreis, sein gewaltiger
kuppelbedeckter germanisch-kreisender Rundturm
mit den trotzigen Halbtürmen wirklich so unmöglich
, so alles vernichtend, alle Landschaft zerstörend
? Ist das wohlabgewogene, sauber gegliederte
Pantheon mit der dorischen Rundbogenarchitektur
, das nun gemäß Beschluß vom 18. Oktober
an seine Stelle tritt, wirklich besser? Ist
es ein gewaltiges, ein epochemachendes Werk,
oder ist es vielleicht nur ein kluger Kompromiß
— geschaffen, um allen Parteien gerecht zu werden
? — Die Zukunft wird entscheiden. Heute ist
nur die Frage zu beantworten, die alle Streitenden
gleichmäßig interessiert: Wird das Bismarckdenkmal
auf der Elisenhöhe
eine tüchtige, eine
künstlerisch wertvolle
Leistung? Daß Lederer
den plastischen Teil der
Aufgabe befriedigend lösen
würde, darüber war
man in Fachkreisen ziemlich
einig. Bedenken wurden
fast ausschließlich
von Laien geäußert, die
den sitzenden, heroisierten
Bismarck, wie ihn ein
solcher Monumentalbau
fordert, nur schwer mit
ihrem realistischen Gewissen
vereinbaren konnten
. Heute darf man sich
der frohen Hoffnung hingeben
,daß Lederers Hamburger
Bismarcksäule in
dem sitzenden Bismarck
auf der Elisenhöhe mit
seinem strengen Archaismus
nicht nur ein gleichwertiges
, sondern wahrscheinlich
ein verbessertes
Gegenstück erhalten
wird.

Der Hamburger Bismarckgestalt
haftet doch
noch ein letzter Rest jener
pathetischen Geste
an, ohne die man sich
seit fünfzig Jahren kein
deutsches Denkmal mehr
vorstellen konnte. Der

*) s. auch die Aufsätze in
Jahrg. 1910/11 Aprilheft, Beilage,
Jahrg. 1911/12 s. 192 und Jahrg.
1912/13 s. 44.

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Bismarck von Bingerbrück wird diesen letzten Rest
von falschem Realismus abgestreift haben, ganz
Ruhe, ganz Erhabenheit, ganz Monument sein. Den
Unterkörper umhüllt ein streng stilisierter Mantel,
dessen Flächen durch wenige Falten sehr schön aufgeteilt
werden. Sie sind auf ein großes Hauptmotiv
reduziert. Vom schwerthaltenden Arm gleitet die
Linie bis zum Fuß der Figur, dann zum linken Knie
hinauf, über das sie in strenger Vertikale herabsinkt.
Aus diesem großen Zuge geht sie allmählich zu den
im Schöße ruhig geordneten Faltenstufen über.
Straff und energisch aufgerichtet ragt darüber der
vom Panzer umschlossene Oberkörper empor, beiderseits
von senkrechten Gewandlinien begleitet, die
den Blick des Beschauers auf das Antlitz der Statue
hinlenken.

Der Bismarckkopf ist heute noch um einen Grad
realistischer als die übrige Gestalt, wundervoll
lebenswahr, groß, ernst und all die männliche Schönheit
spiegelnd, die den Fürsten in den letzten Jahrzehnten
ausgezeichnet hatte. Auf dieser Grundlage
wird Lederer zu einem noch strengeren, einheitlichen
Ganzen gelangen. Eine echte Weihestatue
des Fürsten wird er schaffen. Eine Weihestatue, die
den letzten Rest gemeiner Alltäglichkeit abgestreift,
und nur den Begriff des edlen deutschen Heros
verkörpert zeigt.

Diesem Heros eine würdige Weihestätte, einen
still umfriedeten Raum zu bauen, ist Kreis berufen.

Wie wenig entsprach in
dem früheren Entwurf
der kahle, von klobigen
Fackelträgern zerteilte
Innen räum solchem
Zwecke! Jetzt hat Kreis
den kreisrunden Hauptraum
durch Nischen gegliedert
, die mit schlichten
dorischen Säulen und
Gebälk sich zum Kuppelraum
hin öffnen. Wie
diese Säulen die Wände
des Zentralbaues beleben
, wie aus ihnen wir-

r. JETTMAR

geier. zeichnung (1900)

kungsvolle Durchblicke
durch den hellen Mittelraum
auf die Bismarckgestalt
sich auftun! Wie
alles jetzt auf dieHebung
der 6 m hohen, in mattbraunem
Stein gedachten
Hauptfigur berechnet
scheint. Ist nicht schließlich
dies feine Zusammenwirken
von Figurund
umschließendem Raum
die Hauptsache ? Erwartet
man nicht hier den
stärksten,dauernden Eindruck
?

Der äußere Aufbau
wird beherrscht von der
Rücksicht auf die Figur
und auf die Abmessungen
des als Sockel dienenden
Berges. Daraus ergab
sich eine Maximalhöhe
von 26 m, von Oberkante
des Sockels bis Oberkante
des Hauptgesimses

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