Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 164
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DER BILDHAUER RICHARD ENGELMANN I

RICHARD ENGELMANN

verzichten, zugewandt einzig und allein den
selteneren Sensationen des Auges.

In dem Moment, wo Engelmann die ausschließlichen
Forderungen der „Form" gegenüber
dem „Inhalt" anzuerkennen begann, mußte
sein Streben nach dem Ausdruck großer Empfindung
zur monumentalen Plastik führen. Von
jeher liebte Engelmann den weiblichen Akt. Er
sieht ihn mit jener Sinnlichkeit der ein wenig
weiblichen Männer, die an der Frau am meisten
schätzen, was sie dem Manne ähnlicher macht:
den hohen Wuchs, kolossalische Formen und
festes Fleisch. Die weiten und ruhigen Flächen,
die Geschlossenheit weicher Konturen, die
Massen von Rundheiten bieten ihm zugleich
die Elemente seiner endlich artikulierten
Sprache. Breit gelagerte Massen, lang geführte
Linien, die flache, wenig bewegte Kurve verweisen
den Betrachter auf einen entfernten
Standpunkt. Engelmanns entwickelter Sinn für
die Dekoration rechnet mit den Verhältnissen
der Umgebung, in der der Stein sein Leben
entfalten soll. Er sieht das Werk mit seinem
Lokal, der Landschaft oder der Architektur,
zusammen. So verweist ihn sein Talent auf die
Brunnenfigur, die Gartenplastik, den Schmuck
monumentaler Architektur, auf das Denkmal.

BRUNNENANLAGE (RUHENDE FRAU) IM
GARTEN GOSLING. OSNABRÜCK (1906/7)

Und es erscheint durchaus organisch, daß eine
so geartete Anschauung weder in Bronze noch
in Marmor Ausdruck sucht, sondern in jenem
schönen, gelblichgrauen und wetterfesten Kalkstein
aus Euville.

Eine von Böcklin genährte Neigung für die
klassische Antike bestimmt den Typus des
Kopfes, die Art der Haarbehandlung, das Motiv
des schön gelagerten Körpers, am sichtbarsten
bei dem Görlitzer Brunnen von 1910. Im
übrigen nähert sich die Form dem spezifischen
Realismus unserer Tage. Im Jahre 1908 entstand
das „Mädchen mit dem Schwamm",
ein bei Engelmann ungewöhnliches Motiv kontrastierender
Bewegungen. Ganz zurückgedrängt
sind die dekorativen Momente seines Stils bei
der „Schlafenden" von 1909. Der heroische
Leib dieses Weibes wächst zur Hälfte heraus
aus dem beruhigten Leben des Blocks und wird
im Schlaf für einen Augenblick dem Stein verwandt
. Die Schöpfungen dieses letzten Jahres,
die „Trauernde", die „Braut", die „Schwestern"
zeugen von der reifen Sicherheit seines Stils.
Und darüber hinaus genießt man eine adelige
Gesinnung, die Segnungen des Kampfes einer
hochstrebenden Energie mit den Gebrechen der
menschlichen Art. Auf der Höhe seines Lebens

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